Lehrkräfte und Schule nach 68

Der „Historische Arbeitskreis SDS/APO Hamburg 1968“ hat nach der Veröffentlichung seiner Webseite im Oktober 2020 einen Anstoß für das Projekt der Aufarbeitung der Rolle der LehrerInnen in und nach 68 in Hamburg gegeben. In der Fakultät Erziehungswissenschaften der Universität Hamburg und bei Zeitzeugen der damaligen Zeit fand dieses Projekt Interesse und Unterstützung.

Die Ergebnisse sind eine Masterarbeit „Hamburger Lehrkräfte als Vermittler*innen der 68er Bewegung“ von Frau Anne Muschhammer und viele Dokumente der Zeitzeugen in diesem Ordner.

Darüber hinaus läuft noch eine 2semestrige „Forschungswerkstatt: Wie 1968 die Schule veränderte. Lehrforschungsprojekt mit Hamburger Zeitzeug:innen“ bei Frau Prof. Dr. S. Kesper-Biermann [PDF] Die Ergebnisse in dieser Forschungswerkstatt in Form von 15 Kurzbiografien (Kurzpörträts) werden laufend in diesem Ordner veröffentlicht.

 

Nachwirkungen der 68-Bewegung in Schulen

Studierende interessieren sich seit einigen Jahren vermehrt für 1968, fragen nach, hören aufregende Erzählungen und prüfen sie kritisch. Ist nicht alles gesagt und jeder Stein umgedreht? Nein. 1968 gilt in der Fachwelt als überinterpretiert und untererforscht (N.Frei; A.Schildt). Was fehlt?

Über die realen Folgen und Umsetzungsschritte der 68er-Forderungen in Hamburg wissen wir wenig. Dass es zuvor profunde gesellschaftspolitische Kritik- und Theoriearbeit gab, trifft zu. Das Motto: „Gab’s alles vorher!“ stimmt aber nicht. Erst 1968 führte die rebellische Stimmung zu einem plötzlichen qualitativen Schub und quantitativen Zulauf aller kritisch-progressiven Arbeitsgruppen, die viel lasen, diskutierten, kritisierten. Ihre Reichweite und Wirksamkeit wuchs schlagartig, stellte Bestehendes grundsätzlich in Frage und schritt zur Tat. Der Umbau von rostigen Strukturen begann zB in Schulen, Hochschulen, Gewerkschaften. Debatten über Feminismus, Kolonialismus, Internationalismus nahmen Fahrt auf: Chile, Vietnam, Kambodscha, Frauendiskriminierung, (Gewalt in Familien, Leichtlohngruppen, Abtreibungsverbot).

Die Autorin greift 2021 die Forschungslücke für Hamburg in ihrer Masterarbeit auf: „Lehrkräfte als Vermittler*innen der 1968er-Bewegung – Eine Oral History-basierte Untersuchung der Gesamtschule in den 1970er– und 1980er-Jahren“. Mit einem detaillierten Gesprächsleitfaden blättert sie Lebens- und Berufswege der AktivistInnen auf, sortiert und interpretiert sie behutsam: Die Erfahrungen jener Zeit leben beim Lesen auf. Sie lassen sich mit großem Vergnügen verfolgen, denn die Interviews werden im Wortlaut wiedergegeben. Sie atmen den Geist des Aufbruchs: Nicht meckern, machen!

LehrerInnen berichten. Gemeinsam und mit Elan absolvierten sie ihre Examen. Vereinzelt landeten sie hart im Referendariat und hielten dem Kontrolldruck stand. Es ging darum, die Belange von Kindern und Jugendlichen ins Zentrum von Schule und Unterricht zu rücken und sie zum Mitmachen zu motivieren.

Schritt für Schritt bürsteten sie Unterrichtskonzepte gegen den Strich, scheiterten schön, unschön und lernten. Der „Zeitgeist“ verlangte praktische Eingriffe in verkrustete Verhältnisse. Konfrontiert mit alten Machtstrukturen, konventionellen Lehrplänen, skeptischen Kollegien und unguten Konkurrenzen litten LehrerInnen zwar unter Bedenkenträgerei, Beharrungsvermögen, Bremsaktivitäten. Aber das reizte ihren Widerstand. Das wollten sie ändern. An Gesamtschulen stritten sie für „nützlichen Lehrstoff“ und offenen Unterricht. Sie konnten Alternativen durchsetzen. Ein zentrales Motiv war und blieb die Verantwortung, den Weg von SchülerInnen produktiv zu begleiten, ihre Lernlust zu bewahren, mit Lob und Nachsicht, Großzügigkeit und Zuwendung nicht zu geizen, Gruppensolidarität einzuüben und vorzuleben. Sie setzten damit kontinuierlich Ziele aus 1968 in langen Wellen in die Praxis um und tradierten so das Erbe der kritischen Rebellion.

Die eindrucksvolle empirische Forschungsarbeit von Anne Muschhammer handelt von Transferleistungen nach 1968 und würdigt den Einsatz von LehrerInnen für Innovationen in Schulen.

Masterarbeit „Hamburger Lehrkräfte als Vermittler*innen der 68er Bewegung“ Anne Muschhammer hier [PDF]

Zusammenfassung der Masterarbeit [PDF]

 

Kurzporträts aus der oben erwähnten Forschungswerkstatt

Joachim Bauer [PDF] Julia Vehstedt

Nobert Baumann[PDF] Lütfiye Hammami

Olaf Bublay [PDF] Lenja Gastmann

Kurt Edler [PDF]Leonie Stock

Gerd Heide [PDF] Arne Meinicke

Henning Feige [PDF] Laura Schwarz

H. F. [PDF] Milad Aziz

Sabine Großkopf [PDF] Anne Busch

Margret Johannsen [PDF] Gesche Bunkus

Folker Malin [PDF] Esther Behrndt

Karin Püschel [PDF] Sophie Hornbusch

Gerda Schmidt [PDF] Katharina von Huene

Birgit Windmüller [PDF] David Czarnecki

 

 

Dokumente (aus Hamburg und die in Hamburg zirkulierten)

Ausbildung

Für eine alternative Lehrerausbildung, Informationsdienst Arbeitsfeldschule Nr. 27, 12/1976, S. 27 – 52 [PDF]

Das kleine graue Referendarbuch (Auszüge) [PDF]

Modell „integrierte Lehreausbildung“: z. B. Frankfurt, E. Becker [PDF]

Referandare werden Le(e)hrer, Projektgruppe Studienseminar [PDF]

Referendarzeitung Nr. 4 [PDF]

Gemeinsam ins Examen [PDF]

 

Pädagogische Themen, Schule

Das Unterrichtsfach Arbeitslehre [PDF]

Nachbereitung eines Betriebspraktikums [PDF]

Unterrichtseinheit Wohnen [PDF]

Unterrichtseinheit Vietnam [PDF]

Unterrichtspraxis – Roter Pauker (Auszüge) [PDF]

Verändert die Schule jetzt [PDF]

Informationsdienst des Sozialistischen Lehrerbundes im Sozialistischen Büro“ [PDF]

 

 

Gewerkschaft

Vorschlag für ein Aktionsprogramm der „Ausschuss junger Lehrer und Erzieher“ (AjLE) [PDF]

Programm für die zufünftigen Aufgaben des AjLE – Hamburg [PDF]

Info zur Jungslehrerversammlung [PDF]

 

 

Repression – Berufsverbote, Kündigung, Versetzung, Gewerkschaftsausschlüsse

Gegen Berufsverbote, Gesinnungsschnüffelei und Unvereinbarkeitsbeschlüsse, Korrespondenzen  Nr. 4 [PDF]

Berufsverbot Gerd Heide [PDF]

Weg mit den Berufsverboten [PDF]

Kündigung Christiane Huth [PDF]

Solidarität mit 2 Referendaren [PDF]

Solidarität mit M. Grabe [PDF]

Unvereinbarkeitsbeschlüsse verhindern[PDF]

Keine Annahme der Mainzer Beschlüsse (Unvereinbarkeitsbeschlüsse) [PDF]

Zusätzliche Informationen zu den Unvereinbarkeitsbeschlüssen: Zunächst sympathisierten die GEW-Mitglieder, auch die Mehrheit des Vorstands mit dem Aufbruch von 68. Mit der Radikalisierung eines Teils der 68er-Bewegung und deren Organisierung in den K-Gruppen drehte sich der Wind. Es kam gegen einen erheblichen Widerstand in der GEW (vor allem der Basis) Anfang der 70er Jahren zu Unvereinbarkeitsbeschlüssen gegenüber K-Gruppen-Mitgliedern und ihren Unterstützern. Neu war, dass die DKP nicht unter diese Unvereinbarkeitsbeschlüsse fiel. Beim Radikalenerlass/Berufsverbot im staatlichen Bereich galt eine aktive DKP-Mitgliedschaft dagegen als sicheres Ticket für ein Ausschlussverfahren oder der Androhung von Sanktionen. Die Unvereinbarkeitsbeschlüsse führten vor dem endgültigen Ausschluss zu Restriktionen: Verweigerung des Rechtschutzes, Verbot, Funktionen für die GEW wahrzunehmen, Überprüfung von Mitgliedsanträgen. Insgesamt waren in der Hamburger GEW 61 Lehrerinnen und Lehrer von diesen Maßnahmen betroffen.

Für ausführlichere Info die Bücherempfehlung:
Alexandra Jaeger, Abgrenzung und Ausschlüsse, Beltz – Juventa Verlag, 2020 und Marcel Bois, Von den Grenzen der Toleranz, Beltz – Juventa Verlag, 2021

Eine von Alexandra Jaeger produzierte Ausstellung zum Radikalenerlass findet vom 7. – 27.7.22 Juli im Hamburger Rathaus statt.

 

Andere Aufarbeitungen zum Thema Lehrkräfte/Schulen

SchülerInnen Projektarbeiten:

Das Luisengymnasium in Bergedorf [PDF]

Die wilden 70er Jahre am Gymnasium Altona [PDF]

 

 

(zu allen vorstehenden Themen werden laufend weitere Dokumente eingestellt)