5. Phase 1.4.69 – 4.2.1971 Fraktionierung und Transformation der Bewegung

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Die Anzahl aller aktiven Gruppen beträgt Angang 1969 ca. 50, hinter ihnen standen  ca. 2000 politisierte Studierende, Lehrlinge, junge Arbeiter, Lehrer usw. An den Protesten beteiligen sich in der ersten Jahreshälfte 1969 bis zu 10.000 (s.w.u.). Eine zentrale Organisation, bzw. Plattform, wie es davor der SDS mit seinen wöchentlichen „Jour Fix“ war, gibt es für die unüberschaubaren Gruppen und Initiativen noch nicht. Deshalb beschließt der SDS die Herausgabe eines zentralen Presseorgans, die „APO-PRESS“ – Hamburger Informationsdienst. Die vom ASTA herausgegebene Zeitschrift „uni-life“ wird im Juni 1969 zum „Zentralblatt für den Ausbildungssektor“ (ZAS).

Außerhalb der Uni gibt es inzwischen, bzw. sind starke Bewegungen im entstehen, wie das SLZ/SALZ als Teil der Lehrlingsbewegung, der AUSS und die Schülerbewegung, die Kriegsdienstverweigerer im VK usw.

Lehrinhalte, Didaktik, Prüfungsreform und autoritäres Verhalten von Professoren an den Instituten sind Gegenstand der Auseinandersetzungen an der Universität. Vorlesungsstörungen und Streiks führen zum Androhen von Relegationen und anderen Strafmaßnahmen gegen die Studierenden.

Im SDS beginnt eine Reorganisationsdebatte über die weitere Strategie und Organisation der Protestbewegung. Beklagt wird der Mangel an einer gründlichen Qualifikation für eine solche Debatte, deshalb soll dieser Mangel über Schulung beseitigt werden.

Ein weiteres Problem ist die organisatorische Zersplitterung der Bewegung. Sie besteht inzwischen aus SDS, SHB, AMS Spartacus, ASTA, Basisgruppen/Projektgruppen, Wohngemeinschaften, SLZ/SALZ, VK-Regionalzentrale Nord.

Ab Sommer 1969 treten erst außeruniversitär, später auch innerhalb der Uni kleine Marxistisch-Leninistische „ML“-Zirkel in Erscheinung.

Hochschulpolitik, Solidaritätskampagnen (einschl. Militanter Aktionen – Sprengstoffanschlag bei Blohm & Voss) und zunehmende Auseinandersetzungen mit ML-Positionen bestimmen weiter die Politik der Bewegung. Der SDS löst sich in die Basisgruppen, neuen ML-Organisationen und den AMS Spartacus auf.

1970 nimmt die Fraktionierung organisatorische Formen an, durch die Neugründung des SALZ und den KHB/ML als marxistisch leninistische (ML)-Organisationen. Der AMS Spartacus (MSB Spartacus) gewinnt an Stärke und übernimmt Anfang 1971 mit dem SHB den ASTA. (AMS/Spartacus benannte sich später in MSB Spartacus um. Im Text wird immer MSB Spartacus geschrieben.) Aus der Trikontgruppe entwickelt sich die Proletarische Front (PF). Sie vertritt eher die antiautoritäre Seite der Bewegung. Viele politisierte Studierende wenden sich, unorganisiert, dem kritischen Studium zu, um später in der eigenen Berufspraxis gesellschaftsverändernd tätig zu werden.

1.4.69 Spiegel Redakteure fordern eine Demokratisierung der Redaktion
Die Forderungen und Aktion für Demokratie in Uni, Schulen, Berufsausbildung, Kirchen erfassen auch den Journalismus. Die Geschichte beim Spiegel beginnt am 1. April – mit einem Flugblatt, das sich nicht als Aprilscherz entpuppt:

„An alle Redakteure im Spiegel-Verlag!
Es ist höchste Zeit, auch in den publizistischen Massenmedien für eine demokratische Mitbestimmung zu kämpfen!
Der Spiegel schreibt über Mitbestimmung, aber er verhindert, dass Mitbestimmung im Spiegel praktiziert wird.
Eine bürokratische Hierarchie macht jeden selbständigen Impuls und jede Diskussion unmöglich. Der Zynismus kapitalistischer Produktionsweise entmündigt den Redakteur in diesem System widerstandslos zum willigen Automaten: im Akkordmaßstab spuckt er Nachrichtenmaterial und verstümmelt es unter Kontrolle technokratischer Funktionäre zur Ware.“

  • Raul Zelik, DLF, Aufstand gegen Augstein, Sozialismus ante Portas beim Spiegel, Deutschlandfunk Manuskript vom 11.12.2014 [DLF]
  • Der Spiegel, Spiegel-Verlag Hausmitteilung, Betr.: AG Kritik, Spiegel: Nr.16,14.04.1969, S.5 [Original pdf]

4/69 Kritik am bisherigen Basisgruppenkonzept durch die Germanisten

Basisgruppen-Konzept der BG „Germanistik“: Nachdem sich kurz vor Verabschiedung des Hochschulgesetzes zahlreiche „Basisgruppen“, orientiert an der alten KU (Kritik der Wissensinhalte und Vermittlungsmethoden) gebildet hatten (siehe 14.2.69), wird diese Zielrichtung und Form der Basisgruppenarbeit kritisiert. „Ihr Beitrag zum Widerstand gegen die technokratische Hochschulreform erschöpft sich in dem Versuch, die Fähigkeiten der Studenten zu selbständiger, inhaltlicher Arbeit unter Beweis zu stellen.“ Es wird die Gefahr gesehen, dass diese kritische Zirkelarbeit wie schon bei der alten KU (1967) in den Universitätsbetrieb integriert wird.
Die BG Arbeit sollte sich grundlegend ändern: die Arbeit der BG muss sich an die materiellen Interessen der Studenten binden. Die BG Arbeit hat daher theoretisch und praktisch die gegenwärtige und künftige Arbeit der Studenten (Studium und Beruf) und deren Veränderung einzubeziehen. Das „kritische“ Studium muss auf die Berufspraxis als Lehrer im Erziehungsbereich ausgerichtet werden, um dort einen Beitrag zur Veränderung des Sozialisationsbereich im Kapitalismus zu erreichen. In Berlin wird diese Diskussion unter der Parole „revolutionäre Berufspraxis“ diskutiert.

  • Ohne Autor, Basisgruppen-Konzept 15.4.69, S.1-7 [Original pdf] [Quelle: Arbeitsstelle Universitätsgeschichte Chronikordner 1969]

11.4.1969 Neues Ordnungsrecht an den Hochschulen
Ab 1.5.69 gilt neues Ordnungsrecht an den Hochschulen. So können in Zukunft alle Störungen und sonstigen Eingriffe in den Lehr- und Forschungsbetrieb mit Ordnungsmaßnahmen der Hochschule geahndet werden: Verwarnung, befristetem Ausschluss von Lehrveranstaltungen und Studium bis zu 3 Jahren.

  • Hamburger Abendblatt, Neues Ordnungsrecht an den Hochschulen, Hamburg unterzeichnet neuen Staatsvertrag, Hamburger Abendblatt: Nr.84, 11.4.1969 S.2 [Original pdf]

14.4.1969 Der Medizinstudent Obi Ifeobu kehrt nach 2 Jahren aus Nigeria zurück
Obi I. hatte nach der Vietnamdemonstration am 17.2.67 an einem kleinen sit-in im Hamburger Hauptbahnhof teilgenommen und war daraufhin unter falschen Vorwürfen sofort nach Nigeria ausgewiesen worden, da ihm „..keine Gelegenheit gegeben werden darf erneut in einer die Öffentlichkeit stark beunruhigenden Weise die öffentliche Sicherheit und das gute Verhältnis zwischen der BRD und den Vereinigten Staaten von Amerika zu stören“ (Ausweisungsbeschluss). In einem späteren Prozess stellten sich alle Vorwürfe gegen Obi I. (Hausfriedens-/Landesfriedensbruch, Körperverletzung u.a.) als falsch heraus

  • ASTA-Sonderinfo 16.4.69, [Quelle:Arbeitsstelle Uni-Geschichte, Chronikordner 1969]
  • Hamburger Abendblatt,Obi Ifeobu kam zurück, Hamburger Abendblatt: Nr.86, 15.04.1969, S.3 [Original pdf]

28.4.1969 Gründung des Sozialistischen Lehrerbundes Hamburg (SLB)
Auf einem Treffen von 200 Lehrern, Studenten und Schüler im RC wird der SLB trotz Störversuchen von Mitgliedern der AG sozialdemokratischer Lehrer, GEW und Schulbehörde gegründet. Es werden Projektgruppen gebildet zu Themen: Beziehungen von Arbeitgeberverbänden und Schule; Curriculum und Gesamtschule – Alternativen; Lehrerausbildung.

  • SDS Hamburg, Hrsg., Zur Arbeit des sozialistischen Lehrerbundes, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst,  Jg.1, Nr.8, 05.05.1969 S.9-11[Original pdf] [Quelle: Mao Projekt]

29.4.1969 30 Philturm-Besetzer sollen 100.000,- DM zahlen
Bisher wurden gegen Demonstranten und Protestler nur Strafverfahren eingeleitet. Jetzt wollte man sie auch „zur Kasse bitten, (dann) „wird sich jeder Demonstrant sicherlich überlegen, ob er Scheiben einschlägt und Türen aufbricht“ (so ein Sprecher der Justizverwaltung). Die Hochschulbehörde verklagte 30 Studenten, vor allem SDS-Studenten, auf 100.000,- DM Schadensersatz, für Schäden die durch die Philturmbesetzung entstanden waren. Der Prozess sollte im Mai stattfinden.

Walter Grosser, Die 30 aus dem Turm sollen 100000 DM zahlen, Es geht um die Scherben an der Uni, Bild, 29.5.1969 [Origina pdf]

30.4.1969 Pastoren gründen eine Gewerkschaft
30 Pastoren, Vikare und Theologiestudenten gründen eine Gewerkschaft, die „sich vorgenommen hat mit allen Mitteln für eine Demokratisierung der Landeskirchen Hamburg, Schleswig-Holstein und Hannover einzutreten“.

Hamburger Abendblatt, Pastoren-Gewerkschaft in Hamburg gegründet , Demokratisierung der Landeskirchen gefordert, Hamburger Abendblatt: Nr.100, 30.4.1969 S.1 [Original pdf]

1.5.1969 Lehrlings- und Studentenproteste auf der Maikundgebung des DGB vor dem Hamburger Rathaus
„Für die Entwicklung der Lehrlingsproteste in Hamburg spielten jedoch weniger die Proteste gegen das Berufsbildungsgesetz, sondern vielmehr die Ereignisse des 1. Mai 1969 eine entscheidende Rolle. Antiautoritäre Gruppen aus der APO, darunter das Sozialistische Lehrlingszentrum (SLZ), hatten bereits Tage zuvor Störungen der DGB-Kundgebung vorbereitet. Kritisiert wurden die Gewerkschaften – so ein Vorwurf der Arbeitsgemeinschaft Junger Gewerkschafter (AJG) – für ihre „Politik der Verschleierung von Klassengegensätzen“. Der DGB habe aus dem 1. Mai ein „inhaltlose[s] Volksfest“ gemacht. Am Tag selbst zogen 3.000 APO-Anhänger in einem Demonstrationszug von der Universität zum Rathausmarkt und sickerten in kleinen Gruppen in die von 9.000 Menschen besuchte DGB-Kundgebung. Die Störung durch Sprechchöre, fliegende Farbbeutel und Leuchtraketen sollte ein Ausmaß annehmen, das die lokale Presse vom „‚heißesten‘ 1. Mai, den Hamburg bisher erlebte“, sprechen ließ.31 Der DGB-Kreisvorstand reagierte am Tag darauf mit einer Presseerklärung, in der der „Terror“ der APO verurteilt und jeglicher Zusammenarbeit eine Absage erteilt wurde.“

  • [D. Templin: Zwischen APO und Gewerkschaft. Die Lehrlingsbewegung in Hamburg, 1968-1972; s. Ordner „Literatur zu 68“ auf dieser homepage.]
  • Hamburger Abendblatt, DGB will sich gegen den Terror wehren, Hamburger Abendblatt: Nr.101 02.05.1969 S.1 [Original pdf]
  • Hamburger Abendblatt,ausführlicher Berich mit Fotos, Immerzu musste gemahnt werden: Ruhe bewahren, Mai-Kundgebung in hitziger Atmosphäre, Hamburger Abendblatt: Nr.101 02.05.1969 S.3 [Original pdf]
  • Hamburger Abendblatt, DGB will nicht mehr mit der APO sprechen,Hamburger Abendblatt: Nr.102, 03/04.05.1969 S.1 und S.2
  • [Original pdf] [Original pdf]

2.5.1969 Hamburger Schüler beschließen einen Schulstreik
Nachdem das Hamburger Schülerparlament (HSP) einen Erlass der Schulbehörde abgelehnt hatte, in dem HSP nur sehr eingeschränkte Mitwirkungs-, Meinungs- und Presserechte eingeräumt wurden, sperrte die Schulbehörde Räume und Gelder. Die Schulbehörde verweigert dem HSP auch die Anerkennung als Vertretungsorgan der Schüler. Auf Vollversammlung von 20 Schulen beschlossen 15 einen Schulstreik.
In der folgende Woche streikten 4000 Schüler an 31 Schulen, Demonstrationen in die Innenstadt führten zu Auseinandersetzung mit der Polizei und zu vielen Festnahmen von Schülern. Koordiniert wurden die Streikaktionen durch den Vorstand des HSP und die Schülerbünde USB/AUSS.

  • SDS Hamburg, Hrsg., 4000 Schüler streikten, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, 1. Jg. Nr. 9, 19.5.1969 S.10-11[Original pdf] [Quelle: Mao Projekt]
  • Hamburger Abendblatt, Über 1000 Schüler gingen auf die Straße,Resolution mit Forderungen der Behörde überreicht, Hamburger Abendblatt: Nr.102,03/04.05.1969 S.4 [Original pdf]

7.5.1969 ASTA-Veranstaltung: „Arbeiter sprechen in der Universität“,
diskutiert wird über die Mitbestimmung in Betrieb und Hochschule.

  • ASTA-Chronik: MICHELER, Stefan/Michelsen, Jakob (Hrsg.): Der Forschung? Der Lehre? Der Bildung? – Wissen ist Macht! 75 Jahre Hamburger Universität, S. 113 [Original pdf]

Auf der Konferenz werden vom DGB-Vorsitzenden A. Höhne die „terroristischen“ Aktionen der APO-Demonstranten heftig kritisiert. Sie sollen strafrechtlich verfolgt werden.
In der Diskussion wird von vielen Teilnehmern der Konferenz hiervon abgeraten. Nicht mit Polizei und Gericht sollte die Auseinandersetzung fortgesetzt werden, sondern durch Gespräch für die berechtigten Belange der Jugendlichen. Man solle alsbald eine Lehrlingskonferenz einberufen und darauf drängen die Berufsausbildung zu reformieren und Berufsschulen zu stärken. Der 1. Mai solle wieder Kampftag der Arbeiter werden anstatt „müde“ Volksfeste zu veranstalten.

  • Hamburger Abendblatt, DGB in Hamburg untersucht demonstrationen vom 1.Mai, Hitzige Diskussionen umStrategie der Polizei, Hamburger Abendblatt, Nr.105, 07.05.1969 S.2 [Original pdf]

9.5.1969 Streik der Ingenieursschulen für ein Fachhochschulgesetz
Verschiedene Ingenieursschulen streiken für ein Fachhochschulgesetz und Reform der Ausbildungsinhalte und -methoden, für eine studentische Selbstverwaltung, Mitbestimmung und Ingenieursabschluss: Ing. grad. (bisher waren sie sog. Fachschulen). Eine engere Zusammenarbeit alles Ausbildungseinrichtungen gewinnt für den ASTA eine stärkere Bedeutung.

  •  [Original pdf] [Quelle: ASTA Chronik, a.a.o. S. 113]
  • Hamburger Abendblatt, 50 000 Studenten im Streik, Auch in Hamburg stimmten sie für den Ausstand,Hamburger Abendblatt Nr.107, 09.05.1969 S.2 [Original pdf] und HA. „Kein Kampfplatz für die Politik“, Senator Schulz zum Thema Schulstreik, Hamburger Abendblatt Nr.107, 09.05.1969 S.5 [Original pdf]
  • SDS Hamburg, Hrsg., 4000 Schüler streikten, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Apo Press, Jg.1. Nr. 9, 19.05.1969 S.10-11[Original pdf] [Quelle: Mao Projekt]

(Hinweis: Zu den Kämpfen der Fachschulen/Fachhochschulen gibt es 2 ausführlichere Beiträge in dem Ordner „Beiträge zur Chronik“ auf dieser Homepage.)

10./11.5.1969 Die Jubiläumsfeier zum 50. Jahrestag der Gründung der Uni Hamburg ohne Jubel

  • Hamburger Abendblatt, Hamburgs Universität international geachtet, Rektor Ehrlicher nimmt Stellung zu aktuellen Fragen, Hamburger Abendblatt, Nr.108 10./11.5.1969 S.2 [Orignal pdf] und HA. S.2 Jubiläum ohne Jubel [Orignal pdf] und HA. S.85, 50 Jahre Hamburger Universität, [Original pdf]

17.5.1969 Verteidigungsminister Schröder warnt vor dem wachsenden Einfluss des SDS auf die regionalen Verbände der Kriegsdienstverweigerer (VK)

  • Hamburger Abendblatt, Verteidigungs-Unterricht in den Schulen? Schröder nimmt Agitation gegen Bundeswehr ernst, Hamburger Abendblatt, Nr.113 17./18.5.1969 S.1 [Original pdf]

Die Organisationsdebatte im SDS Hamburg beginnt auf dem Höhepunkt der Mobilisierung in Hamburg
– 30 Pastoren bilden eine Gewerkschaft
– im Hamburger VK gewinnt der SDS großen Einfluss und viele Soldaten der Bundeswehr verweigern vermehrt den Kriegsdienst
D.h. ca. 10 .000 junge Menschen befinden sich im Protest und viele davon tragen politisiert ihre Forderungen in die Hamburger Gesellschaft Zusammenfassender Rückblick: ab Ende 1968 bis einschl. Mai 1969 erreicht in Hamburg die Bewegung ihre zahlenmäßige und außeruniversitäre Verflechtung in den Protesten:
– 2000 – 3000 Studenten beteiligen sich an den Auseinandersetzungen um die Philturm Besetzung
– 4000 Schüler gehen in den Schulstreik, 1800 demonstrieren in der Innenstadt
– hunderte Fachschüler streiken für die Reform ihrer Ausbildung und für studentische Mitbestimmung
– 2000 Lehrlinge protestieren gegen die Ausbildungsbedingungen
– Linke Lehrer gründen den SLB
– Linksfaschismusvorwurf“ (Oehler Konflikt), und Prüfungsrecht (Besetzung des historischen Seminars) u.a.
Nach dieser Phase großer Protestdemonstrationen, verlagern sich ab Ende Mai 69 die Konflikte an der Uni in kleinere institutsbezogene Auseinandersetzungen z.B. zum Ordnungsrecht (siehe Konflikt um Prof. Brock unter 20.5.1969).

17.5.1969 Voluntaristischer Reorganisationsversuch des SDS
Auf der Mitgliederversammlung des SDS am 17.5.69 beginnt die Organisationsdebatte mit einem „voluntaristischen Akt“ der Reorganisation der SDS-Arbeit. Für die 8 Bereich der Bewegung Universität, Ingenieursschulen, Lehrlinge, Schulen, Internationalismus, Bundeswehr-VK, Justiz, Presse) werden 27 aktiv-arbeitende SDS-Mitglieder vorgeschlagen, die den Kern der „sozialistischen Bewegung vor Ort“ bilden sollen.

  • SDS Hamburg, Hrsg., Organisationsdebatte, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1., Nr. 10, 01.06.1969 S.2-14 [Apo Press] [Quelle: Mao-Projekt]

Schon vor, aber verstärkt nach dieser Mitgliederversammlung wurden diverse Papiere zur weiteren Reorganisation geschrieben und in APO PRESS veröffentlicht. Sie werden als Teil der Org. Debatte verstanden. Über sie wird eine ideologische und organisatorische Entwicklung der Fraktionierung innerhalb und außerhalb des SDS eingeleitet (hierzu weiter unten Semesterferien Sommer 1969).

20.5.1969 Prof. Brock von den Germanisten droht mit dem neuen Ordnungsrecht
Prof. Brock droht mit Strafanzeige wg. Hausfriedensbruch, wenn Mitglieder der Fachschaft Germanistik das Doktorandenzimmer mitbenutzen würden.

30.5.1969 Teach-In „Stoppt die NPD“ jetzt anlässlich des NPD Parteitages in Hamburg

  • Hamburger Abendblatt, Nur die FDP schickte einen Vertreter, Hamburger AbendblattNr.123, 31.05.69 S.2 [Original pdf]

1.6.1969 Demonstration der APO beim NPD Parteitag

  • Hamburger Abendblatt, Demonstrationen beim NPD Parteitag, Hamburger Abendblatt, Nr.125 02.06.1969, S.2 [Original pdf]

1.6.1969 Brandanschlag auf das SDS-Zentrum
Unbekannte verüben gegen 17 Uhr auf 2 Räume des SDS einen Brandanschlag und versprühen Tränengas. Polizei und Brandkommission ermitteln erfolglos.

  • SDS Hamburg, Hrsg., Brandanschlag auf das SDS-Zentrum, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr. 10, 01.06.1969 S.22 [Apo Press] [Quelle: Mao-Projekt]

5.6.1969 Der ASTA ruft die Studierenden zum Wahlboykott des Konzils der Universität auf
Nach dem neuen Hochschulgesetz soll das neue, drittelparitätisch besetzte Konzil die Funktion eines Universitätsparlaments wahrnehmen. Zu den Wahlen für das Konzil registrieren sich bis zum 30.5.69 70% der wahlberechtigten Studenten. Das Hamburger Abendblatt verkündet triumphierend: Abfuhr für den ASTA – Hohe Beteiligung an der Wahl des „Konzils“. Das Abendblatt hatte die Wahlregistrierung mit der Wahl verwechselt. Nachdem der ASTA ebenfalls am 5.6.69 zum Wahlboykott der Konzilswahlen aufrief, nahmen weniger als 30 % der wahlberechtigten Studierenden an den Wahlen teil:

  • Hamburger Abendblatt, Abfuhr für den ASTA – Hohe Beteiligung an der Wahl des „Konzils“, Hamburger Abendblatt Nr.128, 05.06.1969 S.2 [Original pdf]
  •  [Original pdf] [Quelle: ASTA-Chronik a.a.o., S 114]

Zu den Konzils-Wahlen siehe Datum 24.7.69.

6.6.1969 Die Klage der Schulbehörde gegen die Besetzer des Philosophenturms wird abgewiesen.

6.6./9.6.1969 Der Konflikt zwischen Prof. Oehler und der BG Philosophie eskaliert im Faschismusvorwurf gegen die BG Staatsphilosophie
Seit Beginn des Sommersemesters 1969 gab es Auseinandersetzungen über Inhalte und Form der Vorlesung von Prof. Oehler mit der Basisgruppe Staatsphilosophie. Sie verlangte einen größeren Zeitraum für Diskussionen und das Recht eine längere Vorlesungskritik vortragen zu dürfen. Das provokative Vorgehen der BG außerhalb der Vorlesung, mit Plakaten für Teilnahme an der Vorlesung zu werben und ihr Versuch sich auch in der Vorlesung mit ihrer Kritik durchzusetzen, führt zum Abbruch der Vorlesung durch Prof. Oehler und seinem „Faschismusvorwurf“ gegen die BG.
„Da ich nicht bereit bin, unter Bedingungen des Faschismus Lehrer der Philosophie zu sein, und da ich nicht Willens bin in einer Atmosphäre faschistischen Terrors zu unterrichten, sehe ich im Augenblick keine Lehraufgaben an der Universität Hamburg verantwortlich durchzuführen“. Prof. Oehler an Bürgermeister Drexelius in einem offenen Brief.

  • [Die Welt“, 12.6.69]

10.6./11.6.1969 Teach-ins in Prof. Borks Vorlesungen und die Drohung mit dem Ordnungsrecht
Wegen der Weigerung von Prof. Bork der Fachschaft Germanistik die Mitnutzung des Doktorandenseminars zu gestatten, besuchte die BG Germanistik seine Vorlesungen und stellte ihn zur Rede. Prof. Bork drohte wieder mit dem Ordnungsrecht und verließ die Vorlesung. Durch Diskussionsverweigerung und Einschüchterungsversuche sollten alte Verhaltensweisen der Ordinarienuniversität aufrechterhalten werden. Die teach-ins sollen vorgesetzt werden bis die Nutzung des Doktorandenzimmers möglich ist.

  • ASTA-Info, Wann wird das Ordnungsrecht in Hamburg praktiziert? 11.6.1969, [Original pdf] [Quelle: Arbeitsstelle Hamburger Uni-Geschichte Chronikakte1969]

11.6.1969 Israels Botschafter Ben-Natan im Audi Max: Eine Stunde war der Teufel los
Beim Auftritt des israelischen Botschafters Asher Ben Natan zum Thema „Krieg oder Frieden in Nahost?“ kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Sympathisanten Israels und Anhängern der palästinensischen Freiheitsbewegung. Es kommt zu Prügeleien zwischen israelischen und arabischen Studenten. Eine Stunde später werden die Kritik an der israelischen Kriegs- und Besatzungspolitik durch arabische Studenten und die Rechtfertigung Israels Politik durch den Botschafter ausgetauscht. In der Berichterstattung werden dem SDS Unsachlichkeit vorgeworfen.

  • Hamburger Abendblatt, Das Auditorium glich einem Hexenkessel, Krawall um Ben Natan, Hamburger Abendblatt,Nr.134, 12.06.1969, S.2 [Original pdf]
  • SDS Hamburg,Hrsg., Zur Ben Natan Aktion am 16.11., Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, JG.1, Nr. 11, 16.06.1969, S.9-10 [Original pdf] [Quelle: Mao Projekt]

23.6.1969 Der ASTA ruft zu einem „Faschismus-Teach-in“ im Audi-Max auf
Die Vollversammlung der Studenten an der Phil. Fakultät und das Studentenparlament beschließen folgende Forderungen: Verbindliche Zusicherung, dass weder das Ordnungsrecht noch das Ausländerrecht gegen 2 Studenten, die mit Prof. Oehler im Konflikt liegen, angewendet werden. Dem SDS Studenten Gutierezz drohte die Ausweisung ins diktatorischen Spanien. Ferner verlangte man eine Distanzierung vom Faschismusvorwurf, die Prof. Oehler gegen die BG Philosophie erhoben hat. Ein Plagiat-Vorwurf gegen Prof. Oehler soll untersucht werden.

Da die Universitätsleitung auf die Forderungen nicht reagiert, findet am 23.6.69 in der Vorlesung von Prof. Oehler ein Teach-in zum Thema „Faschismus“ statt.

  • ASTA-Info Nr. 21 v. 23.6.1969, [Quelle: Arbeitsstelle Uni-Geschichte Chronikakte 1969]

24.6.1969 Zwischenprüfung bei den Historikern gestört
Auf einer Versammlung der Kandidaten für die Zwischenprüfung sprachen sich die Kandidaten mit großer Mehrheit für ein Unterlaufen der Prüfung durch kollektives Arbeiten aus.

  • Hamburger Abendblatt, Prüfungen verhindert, Studentischer Störtrupp verhindert Abnahme in der Universität, Hamburger Abendblatt, Nr.144 25.06.1969, S.2 [Original pdf]
  • Margret Johannsen, Wolfgang Homfeld, Die Vorgänge bei den Zwischenprüfungen,Leserbrief der Sprecher der Phil. Faktultät,[Original pdf] [Quelle: DIE Welt, 07. 07.1969]

Die Zwischenprüfungen bei den Studenten für Geschichte ab dem 24.6.69 werden mehrfach gestört. Fast alle der 107 Prüflinge machen die Zwischenprüfung, erklären jedoch, dass sie die Zwischenprüfungen in der gegenwärtigen Form ablehnen. Zwischenprüfungen werden als Selektionsinstrumente im kritisiert.

Juni/1969 Typischer Wochenterminkalender der Basisgruppen, Arbeitskreise, Projektgruppen

  • SDS Hamburg,Hrsg., Termine Uni und RC, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, JG.1, Nr. 11, 16.06.1969, S.17 [Original pdf] [Quelle: Mao Projekt]

30.6.1969 Der SDS beginnt in die Basisgruppen überzugehen

„Daß sich die SDS-Gruppierung im Asta bis heute nicht durchzusetzen vermochte, liegt daran, daß es derzeit einen operationsfähigen SDS an der Hamburger Universität nicht gibt. Alle Reorganisationsversuche auf breiter Front sind bis heute fehlgeschlagen. Der SDS ist in eine Reihe von Basisgruppen zerfallen, die eo ipso nicht fähig sei können, die vom Machtkartell auf allen Ebenen gleichzeitig vorgetragene Gleichschaltung der Universität zu bekämpfen….“

  • SDS Hamburg, Hrsg., Thesen zur aktuellen Lage an der Hamburger Universität, APO-Press – Hamburger Informationsdienst, Nr. 12, vom 30.06.1969, S. 1 ff. [Original pdf] [Quelle: Mao Projekt]

2.7. 1969 „Linkskartell“ gewinnt die Wahlen zum Studentenparlament
Bei einer Wahlbeteiligung von 51,7 % (von rund 20.000 Studenten), der höchsten der letzten 5 Jahre, verteidigte das „Linkskartell“ aus SHB, SDS, HSU und LSD seine absolute Mehrheit. 39 linken Parlamentarier stehen 19 oppositionelle vom RCDS und DA gegenüber.

  • Bergedorfer Zeitung, Tagesbericht, „Linksartell“ hat die Parlamentsmehrheit, Bergedorfer Zeitung 04.07.1969 [Original pdf]

3.7.1969 Studenten besetzen das Historische Seminar; Medizinstudenten sprengen eine Klausur im UKE
Vor dem 3.7.69 wurde auf einer Vollversammlung der Phil. Fakultät beschlossen sämtliche Zwischenprüfungen der Fakultät zu sprengen. Daraufhin wurden die Zwischenprüfungen des Historischen Seminars unter Polizeischutz in zwei Schulen verlegt. 200 Studenten besetzten deshalb das Historische Seminar. Hierüber sollte Druck gegen die bisherige Form der Zwischenprüfung gemacht werden. Reformvorstellungen waren schon länger in die Diskussion gebracht worden (Anerkennung kollektiver Seminararbeiten und Anrechnung von Proseminarscheinen für Prüfungen. Es waren Elemente einer studienbegleitenden Prüfungsreform, statt punktueller Prüfungen).
Bei den Medizinern verlangten Studenten, die Klausuren in der sog. „Wechslerprüfung“ anonym geschrieben werden sollten, um Personen unabhängig bewertet zu werden. Der „Wechslerprüfung“ hatten Studenten unterziehen, die wg. des numerus clausus zunächst 2 Semester Naturwissenschaft studieren mussten. 2 dieser Klausuren wurden von der BG Medizin gesprengt.

  • Hamburger Abendblatt, Unruhe kurz vor Semesterschluss, Seminar wurde besetzt, Klausur gesprengt, Hamburger Abendblatt, Nr.152, 04.07.1969, S.2 [Original pdf]
  • Bergedorfer Zeitung, Neue Unruhe an der Uni, Studenten besetzten  Historisches Seminar,  Bergedorfer Zeitung, 04.07.1969 [Original pdf]

17.7.1969 SDS Mitglieder reisen auf Einladung der palästinensischen Befreiungsbewegungen EL Fatah und DFLP nach Jordanien. 4 SDS-Mitglieder aus Hamburg sind dabei.
(s.a. Biografie von Ursel Seppel im Ordner „Biografien“ auf dieser Homepage)

  • [W. Kraushaar: Die 68er Bewegung, eine illustrierte Chronik Bd.4, S.282 ff Stuttgart 2018]

24.7.1969 Studenten am Konzil wenig interessiert? 31 Prozent wählten.
Am 5.6.69 jubelte das Hamburger Abendblatt noch „Abfuhr für den ASTA…“ (siehe. 5.6.69). Am 24.7.69 fragte es resigniert „Studenten am Konzil wenig interessiert?“. Die hohe Wahlbeteiligung bei den Wahlen zum Studentenparlament mit 51,7 % und die große Mehrheit des „Linkskartells“ im Studentenparlament, zeigt das tatsächliche Ansehen des ASTA-Linkskartells bei den Studierenden der Hamburger Universität.

  • Hamburger Abendblatt, Studenten am Konzil wenig interessiert? 31 Prozent wählten, Erfolg der progressiven Mitte, Hamburger Abendblatt, Nr.169,  24.07.1969, S.2 [Original pdf]

Juli/August/September 1969: Die Fraktionierung im SDS, SLZ/SALZ und anderen Teilen der Studierenden- Lehrlings- und Schülerbewegung beginnt
In der APO PRESS werden in Sommer 1969 eine Vielzahl von Beiträgen zur Reorganisation des SDS, bzw. der gesamten Hamburger APO (Studierenden, Schüler, Lehrlinge usw.) veröffentlicht. Hier zwei Positionen, die zu Beginn der Diskussion bestehen, in ihren Grundaussagen nachgezeichnet werden.

Rätedemokratische Organisation einer „sozialrevolutionäre Jugendorganisation“, auf Basis einer erweiterten Klassenanalyse (Position 1)
Im Rahmen einer „Globalanalyse“ wird festgestellt, dass sich die politischen Widersprüche zwischen und innerhalb der Machtblöcke (Westeuropa, USA, Russland) verschärfen, die die „Tendenzen zum Zerfall des westeuropäischen Machtblocks“ verstärken können. Diese sich verschärfenden Widersprüche sprengen die bisher geschlossene Struktur der westdeutschen Herrschende Klasse immer mehr auseinander. Soweit die westdeutsche Marktexpansion hierdurch nicht gehindert wird, ist zu mindestens bis zum Herbst eine Unterdrückungsstrategie auch gegen den gesamten Ausbildungssektor zu erwarten. Das hat zur Folge: man bleibt ..“als junge Arbeiterklasse in den Betrieben, als Schüler oder Student …, ähnlichen Mechanismen einer Kapitalisierung ausgesetzt“. Der Bereich von Ausbildung und Wissenschaft ist in den Kapitalverwertungsprozess volleinbezogen. Dadurch muss die Klassentheorie von Marx erweitert werden:

Die bisherige soziale Revolution in Westdeutschland (Protestbewegung) ist nicht über die drei wichtigen Teilbereiche der Qualifizierung des neuen Typs der gesellschaftlichen Arbeitskraft – Lehrwerkstätte, Schule, und Universität – hinausgekommen. Die Revolutionierung der Qualifizierung muss in die Gebiete ihrer späteren beruflichen Tätigkeit hineingetrieben werden. Auf eine stabilisierte sozialistische Lehrlingsorganisation folgt eine sozialistische Betriebsgruppe, die die Übernahme der Produktionsmittel in direkt Selbstverwaltung vorbereitet; auf eine stabilisierte sozialistische Studentengruppe folgt im Laufe der Zeit eine sozialistische Assistenten-Organisation, und so fort.

Die Organisation dieser Strategie erfolgt auf einem rätebasierten Delegationsprinzip:

Danach erfolgt der Zusammenschluss von Projekträten der Universität, Schulen und Lehrbetrieben zu örtlichen und regionalen Projekträten.

Fazit: Die Globalanalyse und die Theorie von der Inklusion des Ausbildungssektors in den „gesellschaftlich produktiven Gesamtarbeiter“ bilden die Grundlage der revolutionäre Theorie, um die bisherige „soziale Revolution“ (revolutionäre Praxis) im Ausbildungssektor auch in die beruflichen/betrieblichen Bereich zu überführen. Die Umsetzung soll über eine rätedemokratische Organisation erfolgen.  (Diese Position wird von K.H. R. und Genossen eingebracht, die später unter dem Schlagwort „Wissenschaft als Produktivkraft“ fortgesetzt wird)

  • SDS Hamburg,Hrsg., Organisationsdebatte, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1., Nr.10, 01.06.1969, Papier 1, S. 3-7  [Apo Press] [Quelle: Mao-Projekt]

Vorrang von Theoriebildung und Schulung durch ein kollektives Kader im SDS (Position 2)
Zunächst wird ein Rückblick auf die bisherige Entwicklung und den Stand der Protestbewegung gegeben:

Angesichts der Lage/Situation der Bewegung sei eine neue Funktionsbestimmung des SDS vorzunehmen.

Der SDS soll sich, um seine Avantgardefunktion wieder wahrnehmen zu können, theoretisch und analytisch qualifizieren. Dies muss in verbindlichen Schulungskadern zur Aneignung bisheriger relevanter sozialistischer Theorien erfolgen. Damit diese Schulung nicht zum Seminar-Marxismus verkommt, soll in den Basisgruppen und im ASTA weiter mitgearbeitet werden. Wenn und soweit möglich, können Schulungsergebnisse in die Praxis umgesetzt werden.

Fazit: Im Unterschied zur Position 1 geht die Position 2 davon aus, dass eine praxisleitende „revolutionäre Theorie/Analyse“ für die weitere Organisation der Protestbewegung noch nicht vorhanden ist. Position 1 hält die Bewegung für „sozialrevolutionär“ während Position 2 von einer „dezentralisierten Bewegung radikaldemokratischen Bewusstseins“ spricht.

Interessant ist ein Hinweis im zusammenfassenden Protokoll der Debatte über diese Positionen auf eine Aussage von F. Wolff auf der 23. DK des SDS Nov./1968, wo er fragte, ob es je eine systematische Ableitung von Theorie/Strategie/Taktik/Praxis bei bisherigen gesellschaftliche Transformationen gegeben habe und ob nicht gerade diese Systematik schon selbst die „bürokratische und reaktionäre Erstarrung der meisten Organisationen der Arbeiterbewegung in sich trage“.

  • SDS Hamburg, Hrsg., Was lehrt uns die Organisationsdebatte, Abdruck aus: Rote Presse Korrespndenz, Berlin, Jg.1 Nr.17 13.06.1969, in: Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr.12, 30.06.1969, S.5-6 [Apo-Press] [Quelle: Mao-Projekt]
  • SDS Hamburg, Hrsg., Organisationsdebatte, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1., Nr. 10, 01.06.1969, Papier 2, S. 8-12  [Apo Press] [Quelle: Mao-Projekt]

In den folgenden Nummern der APO PRESS gibt es weitere Beiträge zur Organisationsdebatte, die aber nur wiederholt die Theoriebildung und Schulung fordern.

  • SDS Hamburg, Hrsg.,  Zur Reorganisation der sozialistischen Avantgarde, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr. 11, 16.06.1969, S.1-4 [Apo Press] [Quelle: Mao-Projekt]
  • SDS Hamburg, Hrsg., Was lehrt uns die Organisationsdebatte, Abdruck aus: Rote Presse Korrespndenz, Berlin, Jg.1 Nr.17 13.06.1969, in: Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr.12, 30.06.1969, S.5-6 [Apo-Press] [Quelle: Mao-Projekt]

1. – 3.8.1969 SDS Seminar zur Strategie und Organisation

Für das SDS-Seminar vom 1. – 3.8.69 gibt die „Ad-hoc-Gruppe zur Vorbereitung des Seminars“ ein Sonderinfo der APO Press am 28.7.69 heraus. Es enthält div. Artikel zu verschiedenen Theorie- und Strategieansätzen.

Die abgedruckten Artikel werden durch eine Literaturliste mit 50 Titeln ergänzt.

  • SDS Hamburg, Hrsg., Seminar des SDS Hamburg, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr. 13/14, 28.7.1969 (unvollständig) [Apo Press] [Quelle: Mao-Projekt]

Über die Ergebnisse des Seminars schreibt R. Kahl in den Thesen zur Schulungsdebatte:

Reinhard Kahl, SDS Hamburg, Hrsg., Thesen zur Schulungsdebatte, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr. 18, 13.10.1969, S. 11-15 [Apo Press] [Quelle: Mao-Projekt]

Aus diesen und späteren Diskussionsbeiträgen geht hervor, dass das Papier von K.H.Roth „Wissenschaft, Produktion und gesellschaftlicher Fortschritt.“ auf dem Seminar eine Rolle gespielt hat. Roth, noch im Untergrund, war nicht anwesend gewesen. In Roth’s Artikel wird die These, dass die Wissenschaft und der Ausbildungsbereich vollständig in den Kapitalverwertungsprozess einbezogen ist (s. Position 1 w.o.), ausführlicher begründet.

  • Karl Heinz Roth, Wissenschaft und Produktion, o.O, o J. [Original pdf]

Später taucht in weiteren Artikeln zur Strategie- und Organisationsdebatte immer wieder der Vorwurf auf, dass das Addieren von Teilstrategien, keine Gesamtstrategie für eine „revolutionäre“ Politik ergäbe. In einem Anfang 1970 geschriebenen Papier über die Entwicklung der ML in Hamburg steht, dass in diesem Seminar nochmal vom SDS der Versuch gemacht werden sollte, die dezentralisierte Basisgruppenpolitik zu hinterfragen. Und weiter: Ob und wie die wissenschaftliche Arbeit (wiss. Intelligenz als neue Arbeiterklasse) den Übergang zu außeruniversitärerer Arbeit ermögliche. Beim Streit über das Verhältnis zwischen der Arbeit im universitären und Produktionsbereich sei es zur Fraktionierung gekommen, der „…mit dem Verlassen der Hochschule durch die ML im Dezember ihren Abschluss fand.“

  • „Versuch einer Einschätzung der bisherigen Entwicklung der ML…“, 1/1970. [HIS Archiv]

Die Strategiedebatte des SDS wurde als Schulungsdebatte im September 69 fortgesetzt (s.w.u.). In dieser Phase begannen sich die, die sich als ML bezeichnenden Mitglieder des SLZ/SALZ/SDS/SHB in kleinen Gruppen erst außerhalb und später innerhalb der Universität zu organisieren.

15.8.1969 Eier flogen beim Schmiedelprozess
Am achten Prozesstermin gegen G. Schmiedel wg. Landesfriedensbruch, Körperverletzung u.a. Delikten flogen Eier auf die Staatsanwälte. Sprechchöre riefen „Zerschlagt die Klassenjustiz, Freiheit für Günter Schmiedel“. Schmiedel hatte schon 6 Monate in Untersuchungshaft gesessen. Der Prozess wuchst zum Skandal aus. Die liberale Zeit schrieb damals:

„Zum Rädelsführer gestempelt… Günther Schmiedel ist stark emotionalisierbar. Ihn zu einem Rädelsführer zu stempeln, bezeugt, wie wenig die Strafverfolger die politische Struktur im SDS kennen. Hier, so scheint es, soll ein Exempel vorgeführt werden“.

  • Gisela Stelly, Die Zeit, Will die Hamburger Justiz ein Exempel statuieren? Zum Raedelsfuehrer gestempelt, Die Zeit, Hamburg Nr.36, 1969 S.4 [Die Zeit]

Zu den verschiedenen Prozessterminen waren schon weitere Aktionen (Parolen an den Wänden im Richterverein und Justizgebäude, Sprengung einer CDU-Veranstaltung und Tränengaseinsatz gegen Polizeiabsperrungen) gelaufen. Flugblätter (Rädelsführer-Infos) und Presseerklärungen begleiteten die Prozesstermine.

  • Hamburger Abendblatt, Da warf die APO plötzlich mit Eiern, Demonstration im Prozess gegen Schmiedel, Hamburger Abendblatt, Nr.189, 16./17.08.1969 S.5 [Original pdf]
  • SDS Hamburg, Hrsg., Dokumentation zum Schmiedel Prozess, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr.15, 17.08.1969 S.1-46 [Apo Press] [Quelle: Mao-Projekt]

22.8.1969 Teach-In zum Schmiedelprozess
Zur Aufklärung über den Schmiedel-Prozess und Mobilisierung weiterer Solidaritätsaktionen wollte der SDS am 22.8.69 ein Teach-In im Audi Max veranstalten.

Auf dem Teach-In sollten alle relevanten Prozessabläufe (Verhaftung, 6 monatige Untersuchungshaft, Haftbedingungen, Anklage, Prozessstrategie von Staatsanwälten und Verteidigern, Prozessgutachten usw.) diskutiert werden. Eine 50 seitige Dokumentation war vom SDS erstellt und verteilt worden.

  • SDS Hamburg, Hrsg., Dokumentation zum Schmiedel Prozess, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr.15, 17.08.1969 S.1-46 [Apo Press] [Quelle: Mao-Projekt]
  • Rainer Link, Wo ist Schmiedel, Auf den Spuren eines APO Aktivisten, DLF Hintergrund Kultur, 29.09.2009 [DLF Manuskript]

Das Teach-in wurde abgesagt. Um Interessierte über diese Absage zu informieren, hielten sich ca. 40 Studierende vor dem Audi-Max auf. Die Polizei informiert über den Grund der Anwesenheit der Personen, forderte über Lautsprecher, dass nicht mehr als 2 Personen zusammenstehen dürften, sonst wäre das eine Demonstration. Da sich die Gruppe nicht auflöste, wurden 8 Personen verhaftet und in Polizeizellen gesperrt.

  • SDS Hamburg, Hrsg., Republikanischer Club Hamburg, Pressemitteilung, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst,1. Jg., Nr. 16, 01.09.1969, S.2 [Apo Press] [Quelle: Mao-Projekt]

26.8.1969 Schmidt raus aus Bergedorf
1200 demonstrierten gegen eine Wahlveranstaltung der SPD mit Helmut Schmidt. Sie zogen mit der Parole „Schmidt – raus aus Bergedorf“ und „Wer hat uns verraten – die Sozialdemokraten“. Angeführt wurde die Demonstration von der Bergedorfer APO unter Beteiligung von Jungarbeitern, Schülern und liberal-kritischer Bürgern.  Im gleichen Heft wird die Geschichte der Bergedorfer APO und die vielen arbeitenden Gruppen in Bergedorf vorgestellt.

  • SDS Hamburg, Hrsg., Schmidt – raus aus Bergedorf, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst,1. Jg., Nr. 16, 01.09.1969, S.17-18 [Apo Press] [Quelle: Mao-Projekt]
  • SDS Hamburg, Hrsg., Zur Geschichte der Apo Bergedorf, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst,1. Jg., Nr. 16, 01.09.1969, S.18-19 [Apo Press] [Quelle: Mao-Projekt]

1.9.1969 Beitrag der K 19 (ehemals Ablassgesellschaft später Kommune Eilenau) zur Organisationsdebatte
In dem Beitrag wird ausführlich das Verhältnis von individueller und gesellschaftlicher Emanzipation reflektiert auf dem Hintergrund der Erfahrungen der K 19 (als Kommune Eilenau und Mitglied des „politischen Beirats der Spartakus-Buchhandlung).

  • Autorenkolektiv K19, vormals Eilenau und politischer Beirat der Spartakusbuchhandlung, SDS Hamburg, Hrsg., Beitrag zur Organisationsdebatte, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr.16, 01.09.1969, S.7-12 [Apo Press] [Quelle: Mao-Projekt]

Anmerkung: Der Beitrag ist auch interessant unter dem Gesichtspunkt, die Breite der antiautoritären Bewegung in Hamburg zu charakterisieren. Aus dieser ursprünglich auf individuelle Emanzipation ausgerichteten, anarchistischen Gruppe, entstammen später stramme Marxisten/ Leninisten, wie Kai Ehlers vom Kommunistischen Bund.

Die ML-Zirkel werden sichtbar
Im Zeitraum von Mitte September bis Anfang Dezember 69 entstehen im SDS und außerhalb (SALZ) kleine Fraktionen und Kerne von ML-Zirkeln (erst außerhalb, später innerhalb der Uni).

Dieses wird auch öffentlich sichtbar, da Artikel/Positionen und auch die APO-PRESS nicht mehr im Namen des SDS firmieren. Die APO-PRESS Nr. 20 v. 10.11.69 ist die letzte Nummer, die noch unter dem Namen SDS herausgegeben wird. Danach sind jeweils, die fraktionierten Gruppen Herausgeber, z. B. INFI, INFI ML, SALZ-Bolschiwik; SALZ/ML, div. Basisgruppen, Vietnamkomitee, WG’s usw.

Da die Entwicklung dieses Prozesses nicht an punktuelle Ereignisse auf der Zeitschiene der Chronik  gebunden ist, wird sie in Phasen unterteilt, die sich aus den Diskussionspapieren und Organisationschritten ergeben, d.h. Entwicklungen im SDS, ML und ASTA/Basisgruppen.

Produktivkraft Wissenschaft, neue Arbeiterklasse, politische Reorganisation des Ausbildungssektors
K.H. Roth eröffnet die Schulungsdebatte mit dem Vorschlag, die Schulung müsse die Geschulten befähigen, eine Analyse der Kritik der politischen Ökonomie des Ausbildungssektors und seiner Beziehung zum Kapital und Staat leisten zu können.

Die marxsche Analysen reiche für diese neue Entwicklung des technischen Fortschritts nicht aus.

Skizzenhaft werden dann Inhalte des Schulungsprogramm vorgestellt:

  • Wissenschaftlicher-technischer Fortschritt und Bildungsökonomie und ihre Beziehung zur marxschen Theorie der erweiterten Reproduktion
  • die Stellung der wissenschaftlichen Intelligenz und des Ausbildungssektor in der Klassenanalyse (neue Arbeiterklasse als revolutionäreres Subjekt)
  • praktische Konsequenzen für die Konzeption- und Organisationsfrage

Die Qualifizierung soll je nach Kenntnisstand für Analysen der gegenwärtigen gesellschaftlichen Wirklichkeit genutzt werden; solange dieses nicht möglich ist, wird auf bisher als gesichert geltende Theorien zurückgegriffen.

  • SDS Hamburg, Hrsg., Überlegungen zu einem Schulungsarbeitskreis,Kritik der politischen Ökonomie des Ausbilungssektors und seiner Beziehungen zum Staat, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr. 17, 29.09.1969 S.16-21 [Apo Press] [Quelle: Mao Projekt ]

Kritik: Roths Schulungsprogramm ist ein Forschungsprogramm
Ein, neu aus SDS-Mitgliedern entstandenes ISI (Internationales Schulungsinstitut) kritisiert das Schulungsprogramm von Roth. Es sei kein Schulungsprogramm, sondern ein schlecht begründetes Forschungsprogramm mit einer Konfusion marxistischer Kategorien, die im Einzelnen angesprochen werden. „Wie bedürftig die Neue Linke der elementarsten Schulung ist, illustriert das Papier überreichlich“. Ein eigenes Schulungskonzept legt das ISI zunächst nicht vor.

  • SDS Hamburg, Hrsg., Resolutionsentwurf der Projektgruppe Agitaion und Propaganda, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr. 17, 29.09.1969 S.22-26 [Apo Press] [Quelle: Mao Projekt]

Das ISI verteilt am 4.10.69 ein Flugblatt in dem die Diskussionen und Entscheidungen im Redaktionskollektiv der APO PRESS kritisiert werden, da sich das ISI ausgegrenzt fühlt. Die APO PRESS hätte den folgenden Nachtrag zu den politischen Positionen nicht abgedruckt:

  • SDS Hamburg, Hrsg., Flugblatt des ISI vom 4.10.1969, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr. 18, 13.10.1969 S.8-10 [Original pdf] [Apo Press] [Quelle: Mao-Projekt]

Das ISI erstellt wenig später ein Papier „Das Kapital in Formeln“. In mathematischen Formeln werden die wesentlichen Inhalte des marxschen Kapital dargelegt und der Versuch unternommen darüber eine „Kapitalschulung“ durchzuführen.

Die Reduktion des Organisationsproblems auf die Schulung ist fatal (Projektgruppe „Agitation u. Propaganda“)

Die ebenfalls neue Projektgruppe „Agitation und Propaganda“ kritisiert die Konzentration der weiteren Arbeit auf die Schulung.

Es gibt ja die reale Situation einer breiten, dezentralisierten und teilweise sehr selbständig arbeitenden Bewegung. Diese könne nicht über den Rückzug in Schulung und der irgendwann entwickelten Theorie usw. vereinheitlicht werden. Die Projektgruppe „Agitation und Propaganda“ kann für das Problem, realer Zustand der Bewegung und fehlende zusammenfassende Perspektive und Organisation aber auch keinen Vorschlag machen.
Sie schlägt aber eine Reihe Schulungsthemen  mit entsprechenden Literaturhinweisen (Kritik der Politischen Ökonomie, sozialistische Organisation und Revisionismuskritik) vor. Die Form der Schulung soll in offenen Kursen (für alle zugänglich), mit gleichen Themen/Literatur und von besonderen Leitungskollektiven durchgeführt werden.
Es folgen noch 2 weitere Beiträge zur Schulungsdebatte:

D. Hinrichsen verteidigt grundsätzlich den Ansatz von Roth, trotzt der sprachlichen Mängel im Papier von Roth. Er wirft dem ISI „linksradikale Phrasen“ und „oberlehrerhaftes“ Verhalten vor. Dieses wird an den Kritiken des ISI zu den Begriffen Schulung, Organisation, Wissenschaft als Produktivkraft, Wissenschaft als Ware dargelegt.

  • Dietrich Hinrichsen, SDS Hamburg, Hrsg., Gegen die linksradikale Phrase, gegen den linkradikalen Kurzschluss, Kritik der beiden ISI Stellungnahmen, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr. 18, 13.10.1969 S.5-8 [Apo Press] [Quelle: Mao Projekt]

Rerinhard Kahl setzt sich kritisch und grundsätzlich mit dem Schulungsverständnis, insbesondere mit dem von K.H. Roth auseinander.

  • Reinhard Kahl, SDS Hamburg, Hrsg., Thesen zur Schulungsdebatte, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr. 18, 13.10.1969, S. 11-15 [Apo Press] [Quelle: Mao Projekt]

Exkurs: Vom Wissmannsturz (1967) zum Sprengstoffanschlag bei Blohm & Voss (1969)
Dieser Anschlag ist ein Teil des Kampfes gegen die Kolonialkriege in Vietnam und in den portugiesischen Kolonien in Afrika.
Um die Entwicklung dieser Protestkampagne, speziell gegen die deutsche Beteiligung am portugiesischen Kolonialkrieg im Zusammenhang darzustellen, sind die Ereignisse in Form eines Exkurses (kursiv) dargestellt.

„Kampf dem portugiesischen Kolonialkrieg“

8.8.1967 Wissmannsturzversuch: Beginn der speziellen Antikolonialismus-Kampagne des SDS Hamburg.
Im Aufrufflugblatt zum Sturz des Wissmanndenkmals am 8.8.1967 steht unter anderem: „Sie (die BRD) unterhält freundschaftliche Beziehungen zu Spanien, Portugal und Südafrika, sie beliefert die portugiesische Regierung mit ausrangierten Bundeswehrflugzeugen zur Unterdrückung des Freiheitskampfes in Angola…..“

  • SDS Hamburg, Aufruf an die Bürger Hamburgs, Arbeiter und Studenten zum verspäteten Denkmalssturz des Kolonialismus, Flugblatt vermutlich 07.08.1967 [Original pdf] [Quelle: HIS]

Herbst 1968 Erste Kontakte des SLZ (Sozialistisches Lehrlingszentrum) zum holländischen „Angola Komitee“ Das „Angola Komitee“ aus Holland nimmt Kontakt zu SLZ (Sozialistisches Lehrlingszentrum – Hochallee 21) auf, um sich über die im Bau befindlichen Korvetten bei Blohm & Voss für Portugal zu informieren (Zeitzeugenbericht „Der Anschlag“, im Ordner „Dokumente zu 68 unter dem Datum 13.10.1969)

2/1969 Der ASTA richtet ein Internationalismusreferat ein (ins Auslandsreferat integriert)
Der noch mit Haftbefehl gesuchte SDS-Student, K. H. Roth, wird als Referent benannt. Er schlägt eine Kampagne gegen den Neokolonialismus vor, u.a. Aufklärung über den portugiesischen Kolonialkrieg in Afrika (s. u.)

29.4.1969 Informationsveranstaltung des „Linkskartell“ ASTA zum Kolonialkrieg Porturgals in Angola und zum Korvettenbau bei Bloom & Voss. Auf der Rückseite des Aufrufs zur Infoveranstaltung war das Flugblatt der MPLA vom 4. April 1968 abgedruckt. Der Aufruf und das MPLA-Flugblatt wurde vor der Infoveranstaltung von SDS-Mitgliedern in der Uni und vor Bloom & Voss verteilt.

  • K.H. Roth, AStA Arbeitskollektiv im Inernationalismusreferat, Hamburg, Kubanischer Film über die Befreiungsbewegung in den portugiesischen Kolonien, 20.04.1969 [Original pdf] [Quelle: HIS]

Wann das 2. MPLA Flugblatt an die Geschäftsleitung der Fa. Bloom & Voss verteilt wurde ist etwas unklar; wahrscheinlich in der Zeit vor dem Sprengstoffanschlag am 13.10.1968.

  • MPLA, An den Vorstand und die Geschäftsleitung der Firma Blohm und Voss und den Genossen Betriebsrat,  04.1969  [Original pdf] [Quelle: HIS]

5.5.1969 Eine Analyse zur Kolonialpolitik Portugals in Afrika erscheint in der APOPRESS
In der APO PRESS des SDS Nr. 8 vom 5.5.1969 erscheint eine etwas ausführlichere Analyse über die Kolonialpolitik Portugals in Angola, die Beteiligung deutscher Firmen an der Ausbeutung dieser Kolonie und den Waffenlieferungen für den Krieg in Angola an Portugal. Speziell herausgestellt werden die wirtschaftlichen Aktivitäten der Hamburger Exportfirma Jessen & Co. und der Korvettenbau von Blohm & Voss.

  • SDS Hamburg, Hrsg., Portugal und seine Überseeprovinz Angola, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr. 8, 05.05.1969 S.1-4 [Apo Press] [Quelle: Mao Projekt]

5/1969 Der SDS ruft in einem Flugblatt zur Geldspende für Medikamente zu Gunsten der MPLA auf (Flugblatt im Ordner „Dokumente zu 68 auf der homepage)

  • SDS Hamburg, Spendenaufrauf für Medikamente, Seite 2 eines Flugblattes, 05.1969 [Original pdf]

13.10.1969 Sprengstoffanschlag auf eine Korvette bei Blohm & Voss (Zeitzeugenbericht „Der Anschlag“, siehe im Ordner „Dokumente zu 68 unter dem Datum 13.10.1969)

  • Hamburger Abendblatt, Keine Spur von den Bombenlegern, Waren Extremisten die Urheber? Hamburger Abendblatt, Nr.239, 14.10.1969, S.2 [Original pdf]

April/Mai 1970 Bericht über die polizeilichen Ermittlungen zum Sprengstoffanschlag
Die „Blohm & Voss Arbeiterzeitung“ berichtet über die Ermittlungsarbeiten der Polizei zum Sprengstoffanschlag auf die Korvetten. Unter Beobachtung steht das Sozialistische Arbeiter- und Lehrlingszentrum (SALZ) in der Hochallee. 12 Angehörige der Werft Blohm & Voss stehen unter Verdacht. Sie und teilweise auch ihre Familienangehörige werden verhört und ständig beobachtet. Ergebnisse: keine

  • Blohm und Voss Arbeiterzeitung, Hamburg, Der Sprengstoffanschlag auf die portugiesische Korvette, Wie die Polizei ermittelte und was sie bisher herausbekam,  27.04.1970 S.10-12 [Original pdf]

Danach verschwindet die Aktion aus der Öffentlichkeit: Die Aktivisten fürchteten die Strafverfolgung. „Möglicherweise hatten weder Bloom & Voss noch die Bundesrepublik ein Interesse an zu viel Öffentlichkeit“ meint Jutta Dittfurth in der Biographie über Ulrike Meinhof. Jutta Dittfurth erzählt in der Biographie über Ulrike Meinhof eine kurze Geschichte des Anschlags vom 13.10.1969. Danach soll Ulrike Meinhof, bekannte Kolumnistin bei der Zeitschrift „Konkret“ das Geld für die Organisation des Anschlag gegeben haben. Dittfurht überschreibt dieses Kapitel der Biographie mit dem Begriff „Grenzgängerin“. Es wird der Übergang bei Meinhof vom radikalen Schreiben zur radikalen Tat angedeutet. Die RAF entwickelte sich erst später.

  • [Jutta. Dittfurth, Ulrike Meinhof, Berlin, 2007, Ulstein Verlag 2. Auflage, S. 248 f.]

Entwicklung der ML WS 69/70 (Teil 1)

Vor und im Sommer 69 gab es schon außerhalb der Universität einzelne SDS-Mitglieder und kleine Zirkel, die sich mit dem dogmatischen Marxismus-Leninismus-Maoismus befassten, die für die ML-Bewegung in Hamburg später relevant wurden:

  • K. M. (SDS Hamburg) engagierte sich seit Anfang 1968 in ML-Zirkeln, wie die von E. Aust (Roter Morgen, später KPD/ML) u.a. westdeutschen ML Zirkeln. – Eine Gruppe um P. H. u.a. (Anfangs mit SDS’lern) in der WG Hochallee/SLZ/SALZ die den SALZ-RAT bildeten.
  • Eine Gruppe um K. G. und H.W. (SDS), die die Regionalzentrale Nord (RZ Nord /WG Rondeel/Verband der Kriegsdienstverweigerer=VK) bildete, übernahm später das SALZ. Die RZ-Nord entstand im Rahmen der Antimilitarismus und Kriegsdienstverweigerung des SDS und organisierte viele VK-Gruppen in Norddeutschland.

Zum ersten Mal sichtbar wurden die Zirkel in den Auseinandersetzungen im SALZ im Sommer/Herbst 1969.

Das SLZ/SALZ war bis zu diesem Zeitpunkt ein durch den SDS initiierter Teil der Lehrlingsbewegung (siehe Lehrlingsbewegung, D.Templin im Ordner „Literatur zu 68“ und den Bericht über die Lehrlingsbewegung auf dieser homepage Seite). Organisatorischer Sitz war die Wohngemeinschaft Hochallee 21. Die Mitglieder trafen sich regelmäßig auf „Jour-Fix’en“. Das SLZ/SALZ beteiligte sich, neben Aktivisten der GSG (Gewerkschaftlichen Studentengruppe) der AWP (Akademie für Wirtschaft und Politik) und der SDAJ an den Protestaktionen in Hamburg (Vietnam, 1.Mai 69, Berufsbildungsgesetz usw.).

Konstituierung des ML im SALZ Sommer/Herbst 1969
Im Sommer 69 wurde der „Jour Fix“ des SLZ aufgelöst und stattdessen Schulungsgruppen gebildet. Die Qualifizierung und damit die Schulung wurde als Voraussetzung für die weitere Arbeit angesehen, genauso wie im Bereich der Uni. Das SLZ nannte sich in SALZ um, da neben Lehrlingen inzwischen auch viele junge Arbeiter/Angestellte im SLZ mitarbeiteten. Ähnlich wie an der Uni, blieben die Schulungsansätze stecken. „Es wurde dringend erforderlich, zunächst einmal geschulte Kader heranzubilden“.

  • S.A.L.Z Hamburg, Wie entstand das SALZ, in: Einkheit Kritik Einheit Nr. 1, 07.1970,  [Original pdf] [Quelle: HIS Archiv, SALZ-Akte]

Während in der Uni noch diskutiert wurde, welche Theorie geschult, bzw. erst noch erarbeitet werden müsse, war für die ML-Gruppen klar,  die geforderte Theorie findet sich im dogmatischen Marxismus-Leninismus. Dieser Voluntarismus zur dogmatischen ML Schulung vollzog sich in der Universität erst im Frühjahr 1970.

Der Zirkel um P.H. ernannte sich über Nacht zum SALZ-RAT und versuchte die Führung des SALZ zu übernehmen. Die noch antiautoritäre Basis wehrte sich, gegen diesen Übergriff und erklärte den SALZ-RAT für nichtexistent. SALZ-RAT und RZ Nord paktierten zeitweise.

Neben den schriftlichen Auseinandersetzungen in sehr polemisch/diffamierender Form zwischen SALZ-BASIS, SALZ-RAT und RZ Nord, kam es auch zu Umzügen, z.T. Rausschmissen in der WG Landschaft. Die Fraktionierung hatte die WG’s erreicht. Aus bisherigen „Genossen“ wurden Kleinbürger, Verräter, Feinde usw.

  • SDS Hamburg, Hrsg., Zur Frage der antiautoritären Phase und dem Aufbau einer proletarischen Organisation, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr. 17, 29.09.1969 S.29 [Apo Press] [Quelle: Mao Projekt]
  • SDS Hamburg, Hrsg., Flugblatt des ISI vom 4.10.1969, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr. 18, 13.10.1969 S.8-10 [Apo Press] [Quelle: Mao Projekt]
  • SDS Hamburg, Hrsg., Den Aufbau einer marxistisch leninistischen Organisation in Angriff nehmen, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1,Nr. 22/23, S. 22 ff) [Apo Press] [Quelle: Mao Projekt]

Dieser Prozess wurde bis Anfang 1970 von dem Rest-SDS und ASTA wohl als Sektiererei wahrgenommen, aber nicht bekämpft. Auch die Aussage des ISI, seine Schulungsarbeit diene dem Klassenkampf zur Schaffung der Diktatur des Proletariats, hielt man für die Spinnerei des Außenseiters R. Oberlercher. Noch im Februar 1970 stellen 2 Mitglieder des SDS BV nach der Teilnahme am Hochschulseminar des ASTA Hamburg (Anfang Januar) fest: „Die ML ist bisher in Hamburg organisiert und mit öffentlich politischen Ansprüchen kaum in Erscheinung getreten“.

  • SDS-Bundesvorstand, Frankfurt, Hochschulseminar in Hamburg, in: SDS-INFO,, Nr. 28, 04.02.1970, S.1  [Original pdf] [Quelle: HIS]

Septemberstreiks 1969
Vom 2. – 19.9.69 kam es, vor allem in der Stahlindustrie, zu sog. wilden Streiks, an denen sich bis zu 140.000 Arbeiter beteiligten. Die von vielen totgesagte traditionelle Arbeiterklasse kämpfte, wie die Studenten, regelverstoßend gegen den Willen der Gewerkschaftsführung, für höhere Löhne. Regelverstoßend: wg. der langfristig laufenden Tarifverträgen galt noch die „Friedenspflicht“. Streiks waren verboten. Streikende konnten zum Schadensersatz verklagt werden.

Diese Streiks gaben dem ML-Dogmatismus scheinbar recht, dass nicht die „neue“, sondern vor allem die alte Arbeiterklasse revolutionäres Subjekt der Revolution wieder werden könne.

So kritisiert J. Schmierer (SDS-Heidelberg) die Thesen von der „Produktivkraft Wissenschaft“ und der „neuen Arbeiterklasse“ und die Randgruppentheorie von Marcuse. Nach den Septemberstreiks müsse das Verhältnis von Studenten- und Arbeiterbewegung neu diskutiert werden. Ebenso das SALZ: „Teile der Studentenbewegung erkannten, dass die Arbeiterklasse mehr als nur ein passiver Haufen ist. Dazu trugen der französische Mai 1968 und die Septemberstreiks 1969 wesentlich bei.“

  • Für das Bündnis von Intelligenz und Arbeiterklasse, SALZ u. KAB Hamburg, 16./17.10.1971, HIS Archiv, SALZ Ordner;
  • SDS Bundesvorstand Frankfurt, Zu den Septemberstreiks, in: SDS Info Nr.21  erschienen nach dem 12.09.1969 49 Seiten [Mao Projekt]
  • SDS Hamburg, Hrsg., Wilder Streik in der Klöckner Hütte, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr. 18, 13.10.1969 S.15-20 und Chronologische Schilderung des Streiks bei Howaldt Kiel S.20-24 [Apo Press] [Quelle: Mao Projekt]
  • Kulturzentrum Faust, Die Rote Punkt Aktion in Hannover, Erfolgreicher Bürger*innenprotest gegen die Fahrpreiserhöhungen der hannoverschen Verkehrsbetriebe, Hannover,o.J. [Link]
  • Mao Projekt, Hannover: Fahrpreiserhöhungen in Hannover: Die Proteste des Jahres 1969 [Mao Projekt]

Politik des ASTA WS 69/70
Zu Beginn des Wintersemesters 1969/70 gibt der ASTA ein Papier zur Hochschulpolitik heraus. Es stellt die Ergebnisse der Diskussionen in der Basisgruppenvollversammlung (10/1969) und im ASTA-Kollektiv in 3 Papieren vor:

Papier I: Zur Organisation der Studienkollektive und Projektgruppen (Themen sind: Primärmobilisierung der Erstsemester; Organisation der politischen Arbeit – Schulungsgruppen, Lehrplankampagne, Projektgruppen, revolutionäre Berufspraxis, Basisgruppenversammlungen)

Papier II: Institutspolitik

  • SDS Hamburg, Hrsg., Papier 1, inhaltliche und organisatorische Aufgaben  der Basisgruppen im WS 69/70, Papier 2, Zur Institutspolitik, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr. 19, 27.10.1969 S.1-4 [Apo Press] [Quelle: Mao Projekt]

Anfang September 1969: der VDS wird liquidiert
Der „Linkskartell – ASTA“ stellt sich gegen die Liquidierung des VDS (Verband Deutscher Studentenschaften) durch die überregionalen SDS – Asten.

  • SDS Hamburg, Hrsg., Erklärung der Bundesvorstände des SDS und des VDS: Die Liquidierung des VDS, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr. 17, 29.09.1969 S.2-12 [Apo Press] [Quelle: Mao Projekt]

24.10.1969 Die Gegendenkschrift zum 50 Jährigen Universitätsjubiläum erscheint
Ein Autorenkollektiv gibt im Namen des ASTA die Gegendenkschrift: Das permanente Kolonialinstitut – 50 Jahre Hamburger Universität“ heraus. Es enthält Aufsätze zur kolonialistischen/politischen Kontinuität der Universität; zum Griff der Wirtschaft auf Universität und Forschung, zum neuen Hochschulgesetz u.a. historischen Entwicklungen an der Uni-Hamburg in 50 Jahren ihres Bestehens.

  • Allgemeiner Studentenausschuss AStA Universität Hamburg Hrsg. Das permanente Kolonialinstitut – 50 Jahre Hamburger Universität, Hamburg, 1969 233 Seiten. [pdf] [Mao Projekt]

5.11.1969 Diskussion für eine Numerus Clausus Kampagne beginnt, K.H. Roth stellt sich der Polizei
Das Studentenparlament beginnt mit einer hochschulpolitischen Debatte zum Numerus Clausus. Im WS soll eine Kampagne gegen den NC stattfinde. In der Debatte… „hatte auch der seit anderthalb Jahren von der Polizei gesuchte Medizinstudent Karl Heinz Roth (SDS) seine Akzente gesetzt, als er vom in Hamburg herrschenden ‚Krämergeist‘ sprach. Nach seinem Grundsatzreferat über die Hochschulpolitik der ‚antikapitalistischen Studenten‘ begleiteten etwa 200 Kommilitonen K. H. Roth zur Polizeiwache, wo sich Roth freiwillig stellte. K.H. Roth ist heute dem Haftrichter vorgeführt“.

  • Hamburger Abendblatt, Konzil berät über Uni-Präsidenten, SDS Roth hat sich gestern gestellt,  Hamburger Abendblatt Nr.258, 05.11.1969, S.4 mit Foto [Original pdf]

10.11.1969 ASTA Stellungnahme zum Numerus Clausus, technokratischen Hochschulplanifikation und zur Hochschulpolitik

(der erste Teil ist konkret, der zweite und dritte relativ abstrakt, unklar ist, ob die beiden letzten Teile überhaupt für die Politik eine Rolle gespielt haben).

  • SDS Hamburg, Hrsg., Erklärungen des AStA auf der Parlamentssitung der Universität Hamburg, Abschnitt 1: Materialien zur Hochschulplanung in der BRD, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1, Nr.20, 10.11.1969, S.1-8 [Apo Press] [Quelle: Mao Projekt]

25.11.1969 Vertraulicher Brief zum Numerus Clausus (NC) in über 10 Fächern wird bekannt
Die Hochschulabteilung des Senats schlägt die Einführung eines NC für alle Massenfächer vor, in denen die Studienbewerber die Kapazitäten dieser Fächer überschreiten. Der ASTA macht den Brief öffentlich.
Der ASTA lädt zu einer Vollversammlung der aller Studierende zum 11.12.69 ein.

  • ASTA Info, 9.12.69, Arbeitsstelle Unigeschichte, Chronikakte 1969

9.12.1969 Der SDS verschwindet als Herausgeber der APO-PRESS
Der SDS hatte sich faktisch in den Basisgruppen und im ASTA-Kollektiv aufgelöst. Was schon in dem Artikel der APO-PRESS Nr. 12 behauptet wurde, war jetzt eingetreten (siehe 30.06.1969 Der SDS beginnt in die Basisgruppen überzugehen). Dieses wurde jetzt auch nach außen sichtbar: bei der APO PRESS Nr. 21 firmierte nicht mehr der SDS als Herausgeber. Herausgeber waren jeweils die Gruppen, die an der Redaktionssitzung teilnahmen.

11.12.1969 Eine Vollversammlung mit 2000 Studenten diskutiert den NC und demonstriert in der Innenstadt
Nach der Diskussion zum drohenden NC in vielen Fächern wird eine Resolution für eine NCKampagne beschlossen. Geplant sind Infoveranstaltungen und Streiks in den betroffenen Fächern. Die VV zieht als Demo-Zug durch die Hamburger Innenstadt.

  • ASTA-Kollektiv, Kampagne gegen Numerus Clausus, ASTA-Info, 12.12. 1969, [Original pdf] [Quelle: Arbeitsstelle Unigeschichte]
  • Hamburger Abendblatt, Jeder soll jetzt den Bildungsnotstand sehen,vom 19. bis 24. Januar Informationswoche in der Uni, Hamburger Abendblatt, Nr.289, 12.12.1969, S.5  mit Foto [Original pdf]
  • Hamburger Abendblatt, Vor verschlossenen Türen, Sturm gegen den Numerus clausus der Universitäten, Hamburger Abendblatt, Nr.289, 12.12.1969, S.19 [Original pdf]

13.12.1969 Teach-in (Audi Max) und Demonstration zum Vietnamkrieg

  • Hamburger Abendblatt, Rote Fahnen wollten die Leute nicht sehen, Hamburger Abendblatt, Nr.291,15.12.1969, S.3 [Original pdf]

Redaktionskollektiv Hrsg., Internationalismus und Studentenbewegung, Zur Neubestimmung der Vietnamkampagne und das Problem der Organisation des nationalen Klassenkampfes, in: Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg.1., Nr. 21, 09.12.1969, S.2-4 [Apo Press] [Quelle: Mao Projekt]

Die Fraktionierung in Basisgruppenbewegung, ASTA-Kollektiv und ML Zirkel im außeruniversitären Bereich wirkte sich auch schon auf diese Vietnamaktivitäten aus. Die ML – Zirkel kritisierten die Demonstration und nahmen an ihr nicht teil. Auch die Friedenbewegung wollte nicht unter der Parole „Für den Sieg der Revolution in Vietnam“ demonstrieren. An bisherigen Vietnamdemonstrationen beteiligten sich fast immer 2000 – 3000 Menschen, jetzt waren es 1200.

Die Demonstration am 13.12.69 wurde mit einem Transparent der Basisgruppe SOZ/POL angeführt. Der Transparentspruch: „ORGANISIERT DEN KLASSENKAMPF – BASISGRUPPEN SOZ/POL“. Die Klassenkampfsprache sickerte in alle Veröffentlichungen auch der Basisgruppen und des ASTA’s.

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5.1.1970 Der Arbeitskreis Hamburger ASTEN diskutiert eine gemeinsame NC-Kampagne

  • ASTA-Info, Nr. 13, 12.1.70, [Quelle: Arbeitsstelle Unigeschichte, Chronikakte 1970]

15.1.1970 Die Vollversammlung der Studierenden der Erziehungswissenschaften beschließt einen aktiven Streik im pädagogischen Institut durchzuführen (gegen NC, für Prüfungsreform, gegen Studienzeitverkürzung)

  •  Basisgruppe PI, Den aktiven Streik vorbereiten, Flugblatt 15.01.1970 [Original pdf] [Quelle: Arbeitsstelle Unigeschichte, Chronikakte 1970]

17.1.1970 Strategieseminar für eine sozialistische Hochschulpolitik des ASTA’s und der Basisgruppen
Über mehrere Wochenenden sollte eine Analyse der Entwicklung und des Standes der Hamburger Studierenden Bewegung geleistet werden. Ziel sei darüber hinaus eine Klassenanalyse der bundesrepublikanischen Intelligenz, um insbesondere aus der Untersuchung der objektiven Zusammenhänge zwischen Arbeiterklasse und Intelligenz den bisherigen Ansatz in der Hochschulpolitik zu relativieren. Im Mittelpunkt standen Referate und Diskussionen zu Strukturveränderungen des BRD-Kapitals und ihre Auswirkungen auf die Qualifizierung der Arbeitskraft und Lage der Arbeiterklasse; Funktionen des Staates im Kapitalismus und ihre Veränderungen.

Es ging im Wesentlichen darum, eine Strategie gegen die Desintegrationserscheinungen der Studierendenbewegung zu finden. Neben dem ASTA-Kollektiv beteiligten sich auch Vertreter der Basisgruppen.

  • ZAS, Die Sozialistische Hochschulpolitik organisieren, ZAS Jg.3, Nr.13 12.01.1970, S.8 [Original pdf] Quelle: Materialmappe I zum Hochschulseminar – HIS Archiv;
  • Redaktionskollektiv Hrsg., Zur Vorbereitung der Betriebsarbeit, Apo-Press – Hamburger Informationsdienst, Jg. 2, Nr. 1, 13.01.1970, S.1-6; [Apo Press] [Quelle: Mao Projekt]
  • ZAS, Zentralblatt für den Ausbildungssektor Nr. 12 v. 13.01.1970

Es war der letzte Versuch den Fraktionierungsprozess an der UNI aufzuhalten, alle später in den verschiedenen Fraktionen arbeitenden Aktiven waren auf dem Seminar auch als Referenten vertreten.

Das Strategieseminar wurde ergebnislos abgebrochen. Vorher hatten sich einige, die sich am ML und AMS Spartakus orientierten, das Seminar schon verlassen. Diese späteren Mitgründer der „Zelle Produktion“ schrieben in einem Rückblick:

„Das arbeitsunfähige akademische Kompaktseminar des Asta trug zur Frage der Klassenanalyse nur so viel bei, daß der Begriff der Klassenanalyse von der BG Soz/Pol und den sich anschließenden Psychologen problematisiert werden konnte. Verstand das Asta-Seminar unter Klassenanalyse, die Bestimmung der Klassen nach dem objektiven Kriterium von Mehrwertproduktion und Aneignung, vorgenommen am Schreibtisch, so betrachteten die Soziologen und Psychologen schon damals die Klassenanalyse als ein Instrument zu Rekonstruktion von Klassenbewußtsein und Klassenorganisation, d.h. neben der Analyse der objektiven Bedingungen des Monopolkapitals und des Staatsapparates hat die Klassenanalyse in der praktischen Auseinandersetzung im proletarischen Bereich, den subjektiven Faktor zu analysieren und gleichzeitig die Organisierung des Proletariats voranzutreiben. Nur auf dieser praktischen Basis der Klassenanalyse ist eine Funktionsbestimmung über die revolutionäre Rolle der Intelligenz möglich.

Die BG Soz/Pol war personell zu klein um diese Frage allein anzugehen und sie zog gegen Ende des Asta Seminars hieraus die Konsequenzen: Vorschlag zur Zusammenarbeit aller relativ Aktiven aus allen Studienrichtungen mit denen diese Frage ein Konsensus erreicht werden konnte, in der Zelle Produktion.“

  • Zelle Produktion, Hrsg.,Vorbemerkung, Rote Presse, Hamburg Nr. 6, 06.05.1970, S. 2 [Rote Presse] [Quelle: Mao Projekt]
  • Redaktionskollektiv Hrsg., Leitlinien und Staut der Zelle Produktion, ApoPress–Hamburger Informationsdienst, Jg. 2, Nr.4 10.03.1970, S.1-7 [Apo Press] [Quelle: Mao Projekt]

Der Bundesvorstand (BV) des SDS hatte 2 Vertreter auf dieses Seminar als Beobachter gesandt, die im SDS-Info des BV eine heftige und grundsätzliche Kritik an den Inhalten und Organisation des Seminar übten und ein anderes Vorgehen/Strategieansätze vorschlugen. Einen Monat später löste sich der BV, damit der SDS auch auf Bundesebene auf.

  • SDS Bundesvorstand, Hochschulseminar in Hamburg, in: SDS info Nr.28, 04.02.1970, S. 1ff [SDS Info] [Quelle: Mao Projekt]

21.1.1970 Die Vollversammlung der phil. Fakultät verabschiedet eine Resolution für einen einmonatigen Streik im Sommersemester
Gegen die Steuerung von Studiengängen durch den NC und radikale Studienzeitverkürzung soll im Sommersemester ein einmonatiger Streik geführt werden. Außerdem werden gegen die punktuelle Zwischenprüfung der Historiker am 23.1.70 Kampfmaßnahmen angedroht.

Diese Kampfmaßnahmen sollen auch die Zusammenarbeit der Basis- und Projektgruppen fördern.

  • ASTA Info Nr.16, 27.01.1970 [pdf] [Quelle: Archiv Uni HH]

22.1.1970 Das „Linkskartell“ erreicht bei den Wahlen zum Studentenparlament die 2/3 Mehrheit
In dem Wahlsieg zum Studentenparlament des „Linkskartelles“ sieht der ASTA: „Ein eindeutiges Votum für die in den letzten 2 Semestern verfolgte Politik des ASTA, der linken Parlamentsmehrheit sowie der Basis- und Projektgruppen“.

  • ASTA-Info, Nr.16, 27.1.1970, [pdf] [Quelle: Arbeitsstelle Unigeschichte Chronikakte 1970]

31.1.1970 Trikont Hamburg wird als Instrument der „Selbstorganisation“ gegründet und arbeitet im ASTA-Auslandsreferat. Anfang Januar 1971 wird daraus die Proletarische Front (s. 1/71 w.u.)

  • Mao Projekt, Proletarische Front (Linkliste) Materialien zur Analyse von Opposition in: Mao Projekt o.J. [Mao Projekt]

4.2.1970 Streikbeginn am Pädagogischen Institut
Der am 15.1.70 beschlossene aktive Streik beginnt am 4.2.70 und dauert 3 Tage. In den Vorlesungen und Seminare werden die Themen NC, Studienzeitverkürzung und Prüfungsreform diskutiert. 17 Arbeitsgruppen zu vielen Inhalten der Erziehungswissenschaften beginnen mit ihrer Arbeit (z.B. Kritik der technokratischen Schulreform; Kritik der Tauschen Erziehungspsychologie; Kritik der Didaktiken in Arbeitslehre, Werken, Hauswirtschaft; Kritik des Sozialkundeunterrichts usw.).

Der aktive Streik hat auch das Ziel für den einmonatigen Streik im SS 70 zu mobilisieren und Inhalte und Form eines aktiven Streiks zu testen.

  • ASTA-Info, Nr. 17, 04.02.1970; [pdf] [Quelle: Arbeitsstelle Unigeschichte Chronikakte 1970]

18.2.1970 Der Streikausschuss nimmt an der Phil. Fakultät eine Auswertung des aktiven Streiks vor:

Der zentral geführte aktive Streik mit kritischen Inhalten der erziehungswissenschaftlichen Ausbildung kann die Mängel (fehlen einer gemeinsamen Strategie, Fehlen einer zentralen Koordination, Absterben des Erfahrungs- und Informationsaustausch) der anderen Basisgruppen an der Phil. Fakultät bekämpfen. In diesem Sinne soll der Streik für das SS vorbereitet werden (es folgen inhaltliche und organisatorische Vorschläge).

  • Flugblatt des Streik-/Initiativausschuss der Phil. Fakultät [pdf] [Quelle: Arbeitsstelle Unigeschichte Chronikakte 1970]

Die Entwicklung der ML im WS 69/70 (Teil 2)

Universität: Von der BG SOZ/POL/Projektbereich Produktion u.a. BG Mitglieder zur „Zelle Produktion“
Nach dem Scheitern des Seminars des ASTA‘ und der Basisgruppen eine gemeinsame Strategie aller Aktiven an der Universität zu entwickeln, bildet sich aus Mitgliedern verschiedener Basisgruppen Anfang März 1970 die „Zelleproduktion“ (ZP). Viele ihrer Mitglieder stammten aus der Basisgruppe SOZ/POL und dem angegliederten „Projektbereich Produktion“. Über diesen Projektbereich, in dem auch Mitglieder anderer BG’s mitarbeiteten, sollte Kontakten und Arbeitsmöglichkeiten im außeruniversitären Bereich erschlossen werden. Der“ Projektbereich Produktion“ versuchte die wissenschaftliche Ausbildung im späteren Berufsleben für solche Arbeitsmöglichkeiten zu klären (Branchen- und Betriebsanalysen durch BWL/Soziologen; Arbeitsmedizin durch Mediziner; Arbeitsrecht durch Juristen usw.). Bis Anfang Mitte Februar 70 kamen weitere BG-Mitglieder aus anderen BG’s hinzu. Vertreten waren Mitglieder aus den BG Jur, Wiso, Med und Psych. Nach Studentenorganisationen: Mitglieder SHB, HSU, SDS. Der
„Projektbereich Produktion“ war ein offener Arbeitskreis, der keine verbindlichen Strukturen hatte. Neben aktiv arbeitenden Aktivisten, waren „Dauerproblematisierer“ vertreten. Ca. 25 Aktivisten aus diesem Kreis gründeten die „Zelle Produktion“. In dieser Gruppe waren Vertreter des dogmatischen ML, der Stamokaptheorie, wie ideologisch nicht festgelegte Mitglieder, die erstmal eine verbindlich arbeitende Kaderorganisation bilden wollten.

  • Ausgewählte Sitzungsprotokolle zum Übergang vom Projektbereich Produktion zur Zelle Produktion vom 11.2.1970 bis 28.4.1970 [pdf] [Quelle: HIS]
  • Redaktionskollektiv Hrsg., Leitlinien und Statut der Zelle Produktion, ApoPress– Hamburger Informationsdienst, Jg. 2, Nr.4 10.03.1970, S.1-7 [Apo Press] [Quelle: Mao Projekt]
  • Zelle Produktion, Hrsg., Vorbemerkung, Rote Presse, Hamburg Nr. 6, 06.05.1970, S. 2 [Rote Presse] [Quelle: Mao Projekt]

Diese Gruppe schrieb, nachdem sie das ASTA-Seminar im Januar verlassen hatte:

Es ging zunächst nur um die Organisation verbindlicher Arbeit. Es sollte die antiautoritäre Phase, die Theorie des ML und die Geschichte der Arbeiterbewegung aufgearbeitet werden. Eine Überprüfung und Anwendung auf die Praxis sollte folgen. In der Theorie-/Strategiebildung war die „Zelle Produktion“ noch relativ offen.
Die Organisationsform der Zelle wurde in einem Statut festgelegt, dass demokratisch strukturiert war, aber die Mitglieder zur Mitarbeit verpflichtete. Bei Verstößen gegen die Regeln des Statuts konnten Mitglieder ausgeschlossen werden. Das Statut war kein leninistisches Kaderkonzept. Die Praxis der „Zelle Produktion“ wurde von einigen Mitgliedern nach kurzer Zeit aber so gesehen. Dieses geht aus der Austritterklärung von 3 Mitgliedern der „Zelle Produktion“ hervor.
Die inhaltliche Arbeit sollte sein: ML Schulung, Untersuchungsarbeit (Produktionsbereich, Uni), Mitarbeit in den noch arbeitenden Basisgruppen, Kontaktaufnahme zu außeruniversitär arbeitenden Gruppen. Auch bei den Kontakten zu Gruppen im Produktionsbereich gibt es noch keine Festlegung.

  • Redaktionskollektiv Hrsg., Leitlinien und Staut der Zelle Produktion, ApoPress–Hamburger Informationsdienst, Jg. 2, Nr.4 10.03.1970 S.1-7 [Apo Press] [Quelle: Mao Projekt]
  • Zelle Produktion, Hrsg., Vorbemerkung, Rote Presse, Hamburg Nr. 6, 06.05.1970, S. 2 [Rote Presse] [Quelle: Mao Projekt]

Die „Zelle Produktion“ übernahm auch die APO Press und gab in der Folge eine Nummer unter dem Namen „Rote Presse“ heraus. Es erschien nur eine Ausgabe.

Außeruniversitärer Bereich: Die RZ Nord setzt sich mit ML Anspruch im SALZ durch und organisiert es neu
Nach den Konflikten zwischen SALZ Basis, SALZ-Rat und RZ-Nord im Herbst 69 und dem Rausschmiss des SALZ-RAT’s aus dem SALZ, wanderte der SALZ-Rat über den „Arbeiterbund Harburg“ in die DKP ab. Die SALZ Basis versuchte über Schulung sich eine Perspektive zu erarbeiten. Bald stagnierte dieser Versuch und das SALZ verlor viele Mitglieder.

Anfang Januar 1970 fand in Kiel eine Regionalkonferenz verschiedener ML Zirkel statt. An ihr nahmen 4 Gruppen und die RZ Nord statt. Diese Konferenz war der erste Schritt in Richtung des Aufbaus einer marxistisch-leninistischen Jugendorganisation in Norddeutschland.

Der ML-Zirkel um K. G. übernahm die Führung einiger ML-Gruppen in Norddeutschland. Ihr erstes Ziel ist es, viele der 70 VK u.a. Gruppen in Norddeutschland zu gewinnen. Zu dieser Gruppe gehört auch das dahinsiechende SALZ. (1)

Das SALZ wird für das Projekt, Aufbau einer ML Jugendorganisation, vor allem wg. seines überregionalen Bekanntheitsgrad genutzt. Das alte SALZ gab es nach dem Zerfall Anfang 1970 fast nicht mehr.

„Ein zweiter, nun erfolgreicher Versuch zur Überwindung der antiautoritären Phase, konnte Ostern 1970 gemacht werden….Er wurde aber nicht auf der bis dahin vorhandenen SALZ-Basis unternommen, sondern es traten neue Kräfte hinzu…Hamburger Stadtteilgruppen, Gruppen aus dem norddeutschen Raum….“.

  • S.A.L.Z Hamburg, Wie entstand das SALZ, in: Einkheit Kritik Einheit Nr. 1, 07.1970,  [Original pdf] [Quelle: HIS Archiv, SALZ-Akte]

Neben der SDAJ entstand mit dem neuen SALZ eine ML-Jugendorganisation, die schnell durch Eingliederung und Entrismus anderer Gruppen anwuchs. Das neue SALZ übte auch auf die „Zelle Produktion“ an der UNI eine starke Anziehungskraft aus, da es als proletarisch galt (s.w.u. SS 1970).

(1) In einem Protokoll über die Kieler Konferenz werden die bisherige Arbeit und Vorstellungen der 5 Gruppen (Sozialistisches Zentrum-Flensburg, Rote Zelle Psych./Med.-Universität Kiel; Rote Garde Kiel; Kommunistischer Bund/ML-Eutin und RZ Nord) niedergeschrieben: Schulungsprogramme, Organisationsmodelle, Stand der Theorie/Strukturanalysen, bisherige Arbeitsbereiche Produktion, Schulen und Universität. Eine weitere Regionalkonferenz soll die Zusammenarbeit der Gruppen stärken und eine einheitliche Arbeit ermöglichen. Grundlage der
Entwicklung aller Gruppen war eine Grundlagenschulung von Kadern zu ausgewählten ML Texten, wie z. B. Mao: Über den Widerspruch und die Praxis; Marx/Engels: Das kommunistische Manifest; Lenin: Staat und Revolution; Stalin: Grundlagen des Leninismus; Marx: Lohnarbeit und Kapital, Lohn, Preis, Profit (Rotegarde Kiel). Die anderen Gruppen hatten teilweise weitere ML-Literatur. So geschult wurden Nichtkader an den gleichen Texten geschult, um einen gleichen Informationsstand zu erreichen. „Erst hierdurch wird eine gezielte arbeitsteilige Praxis auf einheitlicher marxistisch-leninistischer Grundlage möglich.“ Aus diesen Kenntnissen werden dann abgeleitet: Klassenkampf, Proletariat als revolutionäres Subjekt; um es real dazu zu machen, bedarf es der leninistischen Partei. Da es sie nicht gibt, bzw. nur als Revisionisten (DKP) muss sie erst neu aufgebaut werden. Diese Aufgabe haben die norddeutschen Gruppen vor sich.

  • Redaktionskollektiv Hrsg., Protokoll der Kieler Konferenz, APO PRESS-Hamburger Informationsdienst, Jg.2. Nr. 2, 02.02.1970, S.6-14[Apo Press] [Quelle: Mao Projekt]

10.4.1970 Der ASTA ruft zum Boykott der Studiengebühren auf.

Am 14.4.70 schließen sich alle AST’en in Hamburg an (ausführlich zur Gebührenkampagne siehe 21.10.70).

  • Hamburger Abendblatt, Studiengegebühren sollen entfallen, Hamburger Abendblatt: Nr.84, 11./12. 04.1970, S.5 [Original pdf]

29.4.1970 Die USA weiten die Vietnamkrieg auf Kambodscha aus
50. 000 US-Soldaten unterstützt von 60.000 südvietnamesischen Soldaten fallen in das neutrale Kambodscha ein. Eine Welle heftiger Antikriegsdemonstrationen setzt weltweit ein.

  • Der Spiegel, Kambodscha, US Intervention, Goldene Gelegenheit, Der Spiegel Nr.19 04.05.1970, S.121-125 [Original pdf]

30.4.1970 Lehrlingsprotest im Audi-Max
Am Vorabend zum 1. Mai hatte der DGB zu einem Lehrlings Tech-in ins Audi Max eingeladen. Vor 20000 Lehrlingen im übervollen Audi-Max will das Bundesvorstandsmitglied Wosch ein Referat halten und wird schon zu Beginn nach den Taten des DGB gefragt. Er antwortet: „Welche Taten wollbringt Ihr denn schon.“ Im nachfolgenden lauten Protest verlässt Wosch das Podium. Lehrlinge berichten danach von den Zuständen im Betrieb und in der Ausbildung. Die DGB-Veranstaltung wird zu einer Protestveranstaltung umfunktioniert.

  • Hamburger Abendblatt, Der DGB hatte beim Lehling keine Chance, Hamburger Abendblatt Nr.101, 02./03.05.1970, S.4 [Original pdf]

1.5.1970 Zwei Mai Aktionen in Hamburg
Aus den 1. Mai Auseinandersetzungen 1969 gelernt, hält der DGB eine Kundgebung statt eines Familienfestes ab. Vor 8000 Teilnehmern spricht der 1. Vorsitzende O. Vetter und verlangt den Ausbau der Sozialversicherung, Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer, mehr Mitbestimmung.

Eine Gegenkundgebung und Demonstration machen der ASTA und linken Gruppierungen. Der 1. Mai soll wieder Kampftag der Arbeiterklasse werden. Entsprechend radikaler sind die Forderungen.

  • Div. Flugblätter, Arbeitsstelle Unigeschichte, Chronikakte 1970

5.6.1970 Rote Armee aufbauen
Am 5. Juni 1970 erschien in der Zeitschrift Agit 883 als erste öffentliche programmatische Erklärung der RAF der Text Die Rote Armee aufbauen!

  • Gudrun Ensslin, Die Rote Armee aufbauen!, Agit 883,  [Original Text] [Quelle: Archiv rafinfo.de]

6.5.1970 Die Zelle Produktion übernimmt die APO PRESS und führt sie als „Rote Presse Hamburg“ fort

12.5.1970 Großdemonstration gegen den Einfall der USA in Kambodscha in Hamburg
In Hamburg demonstrieren 10.000 gegen den Einfall der USA in Kambodscha. Zur Demonstration hatte der ASTA u.a. Organisationen aufgerufen. Es beteiligen sich alle politischen Fraktionen, obwohl es Streit über die Parolen gibt. Gegen Ende der Demonstration kommt es nach einem Knüppeleinsatz der Polizei zu Steinwürfen seitens der Demonstranten.

  • Hamburger Abendblatt, Nach einer geordneten Demonstration kam es doch noch zum Krawall, Plötzlich flogen die ersten Steine Hamburger Abendblatt, Nr.109 13.05.1970, S.3 mit 3 Fotos [Original pdf]

10.6.1970 FBR – Soz./Psych./Phil. wird gesprengt
In dem Proseminar „Wirtschafts- und Sozialgeschichte“ wird vom Leiter des Seminar Teuteberg, jegliche Nutzung marxistischer Literatur als „unwissenschaftlich“ bezeichnet und mit Scheinentzug bedroht. Aus Protest dagegen wird die Fachbereichsratssitzung gesprengt. Eine Reform des Proseminars wird verlangt.

  • ASTA-Info, Nr. 15, 12.6.1970, [pdf] [Quelle: Arbeitsstelle Unigeschichte, Chronikakte 1970]

24.6.1970 Verbot und Auflösung des SDS Heidelberg durch das Innenministerium Baden-Württembergs
Vorausgegangen war eine Demonstration am 19.6.70 gegen den Besuch des „Chefplaner des Imperialismus“ McNamara (US Kriegsminister) in Heidelberg. Es kam zu harten Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. Das Innenministerium verbot daraufhin den SDS und verfügte seine Auflösung. Solidaritätsdemonstrationen mit den SDS fanden bundesweit statt. In Hamburg organsierte der ASTA diese Solidaritätsdemonstration.

  • ASTA-Info, ohne Nr., [Quelle: Arbeitsstelle Universitätsgeschichte, Chronikakte 1970]
  • Hamburger Abendblatt, Tumulte an der Universität, Frankfurt: Aktion gegen SDS Verbot, Hamburger Abendblatt, Nr.145, 26.06.1970, S.1 [Original pdf]

Entmischung und Neuorganisation SS 1970/WS 70/71
Die bisherigen linken Studierenden Organisationen (SDS, SHB, HSU), Basisgruppen, ASTAKollektiv und haben sich aufgelöst oder beginnen sich neu zu orientieren/organisieren. Neue Organisationen werden stärker (MSB Spartakus) oder tauchen als Studierenden-Organisationen KHB/ML, KSB/ML, ASTA-Basisgruppenlinie, später Proletarische Front/PF auf.

Juni 1970 Peter Schütt schreibt noch einen Abgesang auf den SDS

Nachruf auf den SDS

Sie lebten auf großem Fuß. Als der
lange Marsch sich in die Länge zog,
taten die Genossen kurzerhand einen
qualitativen Sprung: sie setzten sich
hinweg über die Bedenken derer, die
Schritt für Schritt vorgehen, sie
stürmten davon: wie aus der Pistole
geschossen, und waren über Nacht
ihrer Zeit so weit voraus, dass die
Zeit unbekümmert über sie hinwegschritt.

  • Kommunist, 1-70 von 6/70, [Quelle: HIS Archiv]

9.7.1970 Wahlsieg der Vertreter des „Linkskartells“ bei den Wahlen zum Studentenparlament
Die noch gemeinsam zur Wahl SS 70 angetretenen Vertreter von SHB, HSU und unabhängigen Basisgruppenmitglieder (wozu auch einige ehemalige SDS’ler gehörten) erhalten 37 der 40 zu wählenden Parlamentssitze. Der MSB Spartakus landet nur auf Reserveplätze (darunter auch ehemalige SDS’ler).

Die rechten Studierendenorganisationen RCDS/DA hatten zum Boykott der Wahlen aufgerufen und propagierten die Auflösung der autonomen Organe der Studentenschaft zugunsten der studentischen Konzilsfraktion. Die Wahlbeteiligung lag trotzdem bei 39 % gegenüber der des vergangenen Semesters von 41%.

  • ASTA Info, Nr. 23, 9.7.70, [Quelle: Arbeitsstelle Unigeschichte, Chronikakte 1970]

16.7.1970 ASTA/BG-Wahlgemeinschaft wird stärkste Fraktion im neu gewählten Konzil – Verwaltungsgericht untersagt politisches Mandat
Das „Linkskartell“ hatte die vorangehenden Konzilswahlen (SS 69) noch boykottiert. Diesmal nahm es als ASTA/BG-Wahlgemeinschaft teil. Bei sehr niedriger Wahlbeteiligung (ca. 20 %) wurde sie mit 17 Vertretern stärkste Fraktion gegenüber RCDS/DA 15 und Unabhängige 8.

ASTA-Info Nr. 24, 16.7.1970, [pdf] [Quelle: Arbeitsstelle Unigeschichte, Chronikakte 1970]

30.8.1970 Aus Teilen der „Zelle Produktion“ wird der KHB/ML gegründet (1)
Die „Zelle Produktion“ kam nach ihrer Gründung Anfang 1970 trotzt straffer Arbeitsorganisation nicht recht voran, da keine einheitliche politische Position erarbeitet werden konnte. Der größere Teil der Gruppe stand den dogmatischen ML’lern des SALZ nahe, ein anderer orientierte sich am AMS-Spartakus und einige wenige stellten beide theoretischen Ausrichtungen in Frage. Inzwischen hatte sich das SALZ neu gegründet und galt bei vielen als die ML Organisation des Proletariats. Vertreter der „Zelle Produktion“ nahmen Kontakte mit dem SALZ auf (bzw. arbeiteten schon verdeckt im neue SALZ mit), um eine Zusammenarbeit zu klären. Später erklärte das SALZ zu diesen Verhandlungen: Das SALZ fühlte sich im Sommer 1970 soweit gestärkt und gefestigt, dass es die ideologische Kontrolle einer kommunistischen Hochschulorganisation gewährleisten könne. Die Zellenvertreter begründeten ihre Unterordnung mit der Erkenntnis in die Beschränktheit ihrer Politik, die es ihnen aus eigener Kraft nicht ermöglichte, die Voraussetzungen zu schaffen, sich zu Kommunisten umzuerziehen.

In der „Zelle Produktion“ und anderen Basisgruppen kam es zu Abspaltungen, die auch dem MSB Spartakus nutzte.

Die organisatorische Gründung des KHB/ML (Kommunistischer Hochschulbund) geschah konspirativ. Um Auseinandersetzungen zur Gründung des KHB/ML in breiter Öffentlichkeit zu verhindern, war nur ein ganz kleiner Teil der „Zelle Produktion“ an der Gründung beteiligt. Für die Organisatoren galt eine 2 monatige Geheimhaltungsfrist (Sommer 1970).

  • Gemeinsame Stellungnahme von SALZ/KAB Hamburg: Für das Bündnis von Intelligenz und Arbeiterklasse, 16./17.1971 und Heiko-Horst Papier zum KHB/ML; [Quelle: HIS Archiv]

Der KHB/ML organisierte in kurzer Zeit fast 500 Mitglieder. Darunter auch aus SHB, HSU, und allen Basisgruppen. Die Motive für den Eintritt in den KHB/ML sind sicher unterschiedlich gewesen. Aber der Frust nicht schnell genug über die Schulung eine Perspektive für den weiteren „Kampf“ zu bekommen, führte meist zur kurzschlüssigen/voluntaristischen Entscheidung sich dem „Proletariat“/SALZ unterzuordnen. Die Alternative, der MSB Spartacus galt als revisionistisch. (2)

Nach Gründung des KHB/ML greift er in einem 3 seitigen Flugblatt den MSB Spartacus als „Sprachrohr der Bourgeosie“ an. Es entwickelt sich in den nächsten Monaten ein Machtkampf zwischen KHB/ML und MSB Spartakus um Mitglieder und Einfluss.

  • Flugblatt des KHB/ML „AMS/Spartakus-Sprachrohr der Bourgeosie, [Quelle: HIS Archiv]

_______________________
(1) Eine Analyse des KHB/ML befindet sich in dem Papier

  • „Untersuchung der Entstehung des KHB/ML, seiner ideologischen Grundlagen und seiner Politik“, Herbst 1971, Autoren: Arwed Milz, Mathias Knuth u.a.; 36 Seiten.; [Quelle: HIS Archiv KHB/ML Akte]

(2) H. Brenner sah seine Entscheidung für den KHB/ML später so:
„Im Juni 1970 nahm ich an einer von Kadern des „SALZ“ einberufenen Gründungsversammlung des „Kommunistischen Hochschulbundes / Marxisten-Leninisten (KHB-ML) teil und entwickelte mich in raschem Tempo zu einem seiner „Aktivisten“. Nun waren wir „im Auftrag des SALZ“ die „revolutionäre Intelligenz“, die „den Parteiaufbau“ in ihrem Bereich mit unterstützen und vorantreiben sollte. Wir hatten uns in vielen Sitzungen unserer Basisgruppe auf diese Rolle inhaltlich vorbereitet. Hauptgegner waren dabei die „Revis“ der DKP und der „Assoziation Marxistischer Studenten – AMS SPARTAKUS“, aus der im Mai 1971 der „Marxistische Studentenbund SPARTAKUS“ wurde. Einer meiner „Anleiter“ war übrigens der spätere Pressesprecher von Gregor Gysi, der heutige Chefredakteur des
„Neuen Deutschland“, Jürgen Reents“.

  • Hans Peter Brenner, Robert Steigerwald und die Auseinandersetzung um die antimonopolistische Strategie der- DKP, 03.07.2016 [DKP]

Die wesentlichen inhaltlichen Differenzen zwischen den verschiedenen „Fraktionen“ (1) 1970/71 im Bereich der Universität:

MSB-Spartakus
Nach der Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus (Stamokap) (2) waren die Studierenden von der Proletarisierung als Intelligenz bedroht. Ihre Interessen sollten gewerkschaftlich/gewerkschaftsnah im Bündnis mit der Arbeiterklasse vertreten werden. Die bisherige Studierenden Bewegung war fortschrittlich, da die Demokratisierung der Universität im Widerspruch zu der Formierung der Universität durch das Monopolkapital stand.

KHB/ML
Rezipierte zunächst unter Anleitung des SALZ einen dogmatischen Marxismus-Leninismus. Je nach Kenntnisstand und Fortschritt wurden diese Kenntnisse für die Propaganda und Praxis eingesetzt. In der Revisionismuskritik verwies man auf die 10jährige Revisionismuskritik der chinesischen KP an der UDSSR. Die bisherige Studierendenbewegung galt als kleinbürgerlich und hauptsächlich reaktionär, da es ihr um die Wiederherstellung ihre Privilegien (autonomes Studium) ging. Der KHB/ML hatte keine Theorie und damit auch keine Strategie.

ASTA/Basisgruppen
Hier gab es noch Orientierungen an einer „revolutionären“ Berufspraxis und an Roth’s Thesen von der Produktivkraft Wissenschaft mit der erweiterten Klassenanalyse (Wissenschaftler, Ausbildungssektor). Ziel war die Organisierung einer sozialrevolutionären Jugendorganisation, die den gesamten Ausbildungsbereich umfaßt. Dieses Konzept galt als konsequente Fortsetzung der bisherigen Protestbewegung.

SHB
Die Mehrheit im SHB vertrat eine radikaldemokratische Position im Hochschulbereich, in die zunehmend die vorstehenden Positionen einflossen. Viele SHB’ler verteilten sich 1970/71 entsprechend auf die neuen Fraktionen. Der größere Teil schwenkte mit der Zeit auf die Stamokaptheorie ein.

HSU
Über die HSU gibt es einen eigenen Beitrag im „Ordner Beiträge zur Chronik“ auf dieser Homepage.

Jenseits dieser Organisationen
Sehr viele der seit 1967 Mobilisierten/Politisierten schlossen sich keiner der vorgenannten Organisationen an. Sie blieben weiterhin im Wesentlichen „Antiautoritäre“, bzw. „Undogmatische“. Viele:

  • traten den Weg durch die Institutionen an (studierten weiter, bemüht um kritische Wissenschaft für gesellschaftsverändernde Berufspraxis)
  • versuchten als „Anarchisten“ Politik zu machen (Zentrum „Spartakusbuchhandlung“)
  • bildeten die „Sponti“ Szene, die ab Anfang 1970 den Miet- und Häuserkampf begannen
  • als „undogmatischer“ Flügel in Abgrenzung zu den K-Gruppen/DKP verstand sich die Proletarische Front (PF)
    (ausführlicher in dem Beitrag „Jenseits der K-Gruppen und der DKP“ im Ordner „Beiträge zur Chronik“ auf dieser Homepage)

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(1) Es sind nur die Fraktionen/Gruppen berücksichtigt, die eine gewisse Größe, bzw. Einfluss in der studentischen Selbstverwaltung hatten. Die PF konstituiert sich erst 1/71 und wird dann vorgestellt.

(2) Theorie des „staatsmonopolistischen Kapitalismus“ (Stamokap): Sie ging von einer neuen Qualität bei der Entwicklung des Monopolkapitals aus, wonach es eine verstärktere Verflechtung von Monopolen und Staat und eine zunehmende Konzentration des Kapitals gebe. Folge davon würde die Proletarisierung der absoluten Mehrheit des Volkes, also auch von Bauern, Intelligenz und Mittelschicht, sein. Hierdurch seien „antimonopolistische Bündnisse“ mit den nichtmonopolistischen Klassen und darüber die Entfaltung einer „antimonopolistischen Demokratie“ als Etappe auf dem „friedlichen Weg zum Sozialismus“ möglich.

21.10.1970 Protestversammlung zum Boykott der Studiengebühren
Seit Anfang April führten die Hamburger ASTen eine Kampagne für einen Boykott der Zahlung von Studiengebühren (150,- DM pro Semester). Es beteiligten sich immer mehr Studierende (7000) und sie bekamen Zahlungsaufforderungen und Mahnbescheide. Durch Rechtsverordnung werden ab WS 70/71 die Studiengebühren nicht mehr erhoben. Für das SS 70 bleibt die Zahlungsaufforderung bestehen. Auf einer VV im Audi-Max wird unter Beteiligung des Uni Präsidenten Fischer-Appelt ein Kompromiss erreicht: Eine großzügige Härtefallregelung soll sozial schwache Studierende von der nachträglichen Zahlung befreien. Durch den Wegfall der Studiengebühren ab WS 70/71 hatte die Kampagne ihr Ziel erreicht.

  • ZAS, 21.10.1970 [pdf]
  • Hamburger Abendblatt, Uni-Präsident: Bitte zahlt die Gebühren, Protestversammlung der Studenten im Audimax, Hamburger Abendblatt, Nr.246, 22.10.1970, S.3 [Original pdf]

29.10.1970 Neuwahl des FSR Erziehungswissenschaft – MSB Spartakus setzt sich durch
Beim Machtkampf um die autonomen Organe der Studentenschaft gelingt dem MSB Spartakus im FSR Erziehungswissenschaft der erste Durchbruch. Auf einer VV wird der neue FSR gewählt und besteht ausschließlich aus MSB Mitgliedern (darunter auch ehemalige SDS Mitglieder).

  • Päd-Info, 2.11.70, [Quelle: Arbeitsstelle Unigeschichte Chronikakte 1970]

19.11.1969 Konflikt um Ökonomie Prof. Sanmann eskaliert
Der VWL Prof. Sanmann war zum WS 70/71 vor den roten Zellen aus Berlin nach Hamburg geflüchtet, um hier seine Vorlesung „Geschichte der VWL“ in altbewährter autoritärer „Einwegkommunikation“ abzuhalten. Es kam zu Störungen der Vorlesung mit der Forderung seitens der Studierenden auch Diskussionen zuzulassen. Zu diesen Auseinandersetzungen stellte der Uni-Präsident Fischer-Appelt fest: Das diese Art der Vorlesung „Ansatzpunkt für eine kritische Konfrontation sein würde, war, sehr verehrter Herr Sanmann, in der gegenwärtigen Situation vorzusehen“

  • Fischer-Appelt in: uni hh Infodienst vom 19.11.70

Es begannen über diesen Konflikt auch Auseinandersetzungen zwischen der Wiso-Basisgruppe/Rote Zelle Ökonomie (ROTZÖK) und den rechten Studierenden-Organisationen (RCDS u.a.) in den Organen der Selbstverwaltung der WISO Fakultät. Die bisher eher konservativ eingestellten WISO Studierenden politisierten sich. Auf einer VV von 700 WISO Studierenden wurden 4 Mitglieder der WISO-Basisgruppen in die Studienreformkommission gewählt.

Ein ausgehandelter Vorschlag von Fischer-Appelt beruhigte den Konflikt: 30 Minuten Vorlesung, 15 Minuten Diskussion.

  • Hamburger Abendblatt, Streit um Vorlesungen von Professor Sanmann, Offener Brief des Uni Präsidenten/Störaktionen, Nr.269, 19.11.1970, S.4 [Original pdf]
  • Hamburger Abendblatt, Präsident der Uni schlägt neue Spielregeln vor, Studenten verteidigen Professor Sanmann/ Kritik an Rotzök, Hamburger Abendblatt, Nr.271, 21. 11.1970, S.4 [Original pdf]
  • Flugblätter der Wiso-BG aus dem gleichen Zeitraum,  [pdf] [Quelle: HIS-Archiv, ASTA Materialien 1970]

1.12.1970 Rechter Fachschaftsrat gestürzt – Lehrstuhl für Politische Ökonomie gefordert
Auf einer gut besuchten VV der WISO Fakultät (1200 Studierende) wird der rechte FSR abgewählt, ein neuer soll am 10.12. gewählt werden. Darüber hinaus verlangt die VV: der nächste ausgeschrieben VWL Lehrstuhl soll mit einem marxistischen Wissenschaftler für Politische Ökonomie besetzt werden.

  • Info der Wiso-BG, 1.12.1970, [pdf] [Quelle: HIS-Archiv, ASTA Materialien 1970]

9.12.1070 Der ASTA startet eine Sozialkampagne für mehr studentischen Wohnraum und eine elternunabhängige Ausbildungsförderung
Auf einer VV im Audi Max mit ca. 1000 Studierenden wird vom Hamburgersenat gefordert: eine elternunabhängige Ausbildungsförderung, Mietzuschüsse und Aufgabe kostendeckender Mieten, Mittel für mehr studentischen Wohnraum. Sollten bis zum 20.1.71 die Forderungen nicht erfüllt, wird in allen studentischen Wohnheimen die Zahlung der Mieten verweigert (Mietverweigerungskampagne)

  • ASTA-Info Nr. 11, 14.12.70
  • Hamburger Abendblatt, Ultimatum an Uni und Senat,  Hamburger Abendblatt, Nr. 287, 10.12.1970, S.4 [Original pdf]

Januar 1971 Wahlkampf und Spaltung des ASTA
Zu den Wahlen des Studentenparlament WS 70/71 treten an: SHB, MSB Spartacus, KHB/ML, unabhängige Kandidaten und die ASTA BG-Linie.

Die ASTA BG-Linie ist eine Wahlgemeinschaft aus Teilen des bisherigen ASTA und BG Mitgliedern. Unter ihnen befinden sich auch Sympathisanten des KHB/ML. So schreibt der MSB Spartacus in einem Flugblatt vom 19.1.71, die ASTA BG-Linie sei vom KHB/ML ferngesteuert.(1) Ein Flugblatt des ASTA’s vom 25.1.70, das die Schwerpunkte der bisherigen ASTAPolitik im WS 70/71 darlegt und die Auseinandersetzungen zwischen ASTA und Teilen des Studentenparlaments schildert, ist vom 4 ASTA-Mitgliedern (1. Vorsitzendem, Pressereferent, Hochschulreferent und ehem. Organisationsreferent) unterzeichnet, die Sympathisanten, bzw. schon Mitglieder im KHB/ML waren.

Flugblatt der ASTABG-Linie, Jan. 70, [Quelle: HIS-Archiv]

ASTA Materialien 197; ASTA-Info,25.1.71, [Quelle: Arbeitsstelle Unigeschichte, Chronikakte 1971]
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(1) Mitglieder des MSB Spartacus waren inzwischen von den Reserveplätzen ins Studentenparlament nachgerückt und bildeten mit einige SHB’lern eine Oppositionsgruppe. Die im SS 70 gewählte „Linksfraktion“ im Studentenparlament hatte sich dadurch gespalten. Es kam bei Abstimmungen über Anträge des ASTA zu Blockaden durch die Oppositionsgruppe.

Im ASTA selbst kommt es zu einem Konflikt zwischen ASTA-Mehrheit und der Gruppe ASTA-Auslandsreferat, ASTA-Dritte-Welt-Referat, Trikont Hamburg
Die letztgenannten veröffentlichen eine Reihe Flugblätter und kritisieren das „Nichtstun“ des ASTA’s und stellen Forderungen zur Verbesserung der Studienbedingungen für die ausländischen Studierenden. Der ASTA weist in einem Flugblatt alle Vorwürfe detailliert zurück mit Unterstützung aller ausländischer Studierenden Organisationen. Die Trikont Hamburg wird aus dem ASTA ausgeschlossen. (Aus der Trikont Hamburg gründet sich am 4.2.1970 die Proletarische Front (PF) Hamburg, s.w.u.)

  • „Was treiben die Imperialisten an der Universität“, Flugblatt der Gruppe ASTA-Auslandsreferat…, Anfang Jan. 1971, [Quelle: Arbeitsstelle Unigeschichte, Chronikakte 1971]
  • ASTA-Info, Nr. 15, 11.1.71, [Quelle: Arbeitsstelle Unigeschichte, Chronikakte 1971]

Durch Wahlen zum Studentenparlament im Januar ist das Schicksal dieses ASTA entschieden, er wird abgewählt.

SHB und MSB Spartakus gewinnen die Wahlen zum Studentenparlament und stellen den neuen ASTA
Mit unabhängigen Kandidaten erreichen SHS und MSB Spartacus die Mehrheit im Studentenparlament. 4 offizielle KHB/ML Kandidaten laden nur auf Reserveplätzen, 2 werde nicht gewählt.

  • Ergebnisse der Wahlen zum Studentenparlament WS 70/71, Hrgb. Präsidium des Studentenparlaments [Quelle: Arbeitsstelle Unigeschichte, Chronikakte 1971]

4.2.1971 Gründungserklärung der Proletarischen Front (PF) Hamburg
Aus der Trikont bildet sich die Proletarische Front/Hamburg, die überwiegend aus ehemaligen SDS’ler um K. H. Roth besteht. Mit einer „programmatischen Erklärung“ gibt die PF ihre Begründung bekannt. Sie enthält eine skizzenhafte politökonomische Globalanalyse mit konkreten „revolutionären“ Übergangsforderungen zu verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Die Arbeit soll in einer sich noch zu entwickelnden Organisation erfolgen. Die Grundstruktur ist zunächst eine Mischung aus Kader- und Rätesystem.

  • Proletarische Front Hrsg., Programmatische Erklärung der proletarischen Front vormals Trikont Hamburg, Proletarische Front, Jg.1,Nr., 04.02.1971 [Mao Projekt]

Ende der Chronik – Die Spaltungen und Wege der Einzelnen waren zu vielfältig, um hierfür ein jeweiliges Geländer zu bauen. Teilentwicklungen in der Zeit von 1971 – heute, sind z. T. aus den Autobiografien zu entnehmen (s. Ordner „Biografien“ auf dieser Homepage).

Einige Stichpunkte der weiteren Entwicklung

1971/72 gehen die Fraktionierungen und Spaltungen in der Studierenden Bewegung weiter:

  • KHB/ML im Laufe des Sommers/Herbst 1971 nimmt die Kritik innerhalb des KHB/ML zu, es bilden sich Kritikfraktionen. Auf einer KHB/ML Mitgliederversammlung im Herbst 1971 fordert eine Kritikfraktion die Auslösung des KHB/ML und einen Rückzug ins Studium, um endlich eine gründliche Qualifizierung für eine weitere politische Arbeit zu erwerben. Viele schließen sich diesem Appell an, ein anderer Teil geht zum MSB Spartakus, eine kleinere Gruppe gründet den SdKB (Sympathisanten des KB), von dem sich später wieder eine Gruppe abspaltet: die SSG (Sozialistische Studenten Gruppe), die mit dem KBW sympathisiert. Der SdKB nannte sich später in SSB (Sozialistischer Studentenbund) um.

ASTA – MSB Spartacus / SHB festigen ihre Position bei den Studentenparlamentswahlen SS 71 und erreichen im WS 71/72 80 % der Sitze im Studentenparlament. Diese Koalition prägt die Studierenden Bewegung bis Ende der 70er Jahre.

  • A. Jaeger: Fachbereiche im Fieberzustand, in: A. F. Guhl u.a., Gelebte Universitätsgeschichte, 213, S. 41 ff

Proletarische Front. Eine kleine Gruppe spaltet sich schon im SS 71 ab und geht zur KPD/AO. Kurze Zeit später kommt es zu einer weiteren Spaltung.

  • Proletarische Front, „Die Proletarische Front ein knappes Jahr nach den Spaltungen“ , Proletarische Front Jg.2, Nr. 8/9, 04/1972, S. 37 ff. [Mao Projekt]

SALZ – Kommunistischer Bund (KB) Im Frühjahr 1971 begannen das SALZ und der KAB (Kommunistischer Bund – ein kleiner ML Zirkel um den ehemaligen SDS’ler K.M.) zusammen- zuarbeiten. Beide Organisationen schlossen sich im September 1971 zum Kommunistischen Bund (KB) zusammen. Die ausführliche Geschichte des KB in:

  • M. Steffen, Die Geschichten vom Trüffelschwein – Politik des Kommunistischen Bundes von 1971 – 91, 2002, Marburg [Original pdf] [Quelle: Archiv Uni Marburg]

Die Politik der Studierendenbewegung ist in den Jahren ab 1971/73 weiter geprägt von Auseinandersetzungen über Lehrinhalte/Prüfungsformen, mit konservativen Professoren. Verstärkt müssen Abwehrkämpfe gegen die sich organisierenden konservativen Professoren und die Rücknahme der Hochschulreform geführt werden. Weiterhin gibt es große Internationalismus Kampagnen gegen die Ausweitung des Vietnamkrieges auf Laos, die Verschärfung des portugiesischen Kolonialkrieges und den Palästinakonflikt. Alle diese politischen Aktivitäten waren geprägt von den Auseinandersetzungen zwischen der MSB-Spartacus / SHB Koalition auf der einen Seite und den K-Gruppen auf der anderen. Diese Konflikte mobilisierten bis zu 4000 Studenten auf den VV. (A. Jaeger, a.a.o.)

Rote Armee Fraktion (RAF) und Bewegung 2. Juni
Die RAF und „Bewegung des 2. Juni“ gewannen auch in Hamburg einige Mitglieder und ein kleineres Unterstützerfeld.

 

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