4. Phase 16.6.68 – 31.3.69 Rückzug auf die Uni, ASTA- und Basisgruppenpolitik

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Der SDS steht im Sommer 68 vor der Frage, wie das Protestpotential auf Dauer stabilisiert und organisiert werden kann. Aber der SDS schwächelt. „Die wesentliche Ursache für die Schwierigkeit der veränderten Situation entsprechend politische Arbeit zu leisten, liegt in der Politik der letzten Semester. Ein Übermaß an heterogenen Aktionen hat eine einheitliche politische Tätigkeit und Bewusstseinsbildung im SDS Hamburg behindert. Das beträchtliche Gefälle zwischen theoretischem Wissen und praktischer Aktion führen momentan zu einer Schwächung der potentiellen politischen Kraft des SDS“.

SDS Hamburg, Mitglieder-Rundbrief des SDS Hamburg v. 11.6.1968 [pdf] [Archiv J. Seifert, HIS]

Statt dieses Problem zu lösen, beginnt die Einheit des SDS, die durch die Aktionen gewonnen worden war, zu bröckeln. Informelle, spontane Strukturen und Entscheidungswege treten mehr und mehr an die Stelle der bisherigen Jour-Fix Sitzungen und Mitgliederversammlungen: neue Mitglieder ohne formelle Mitgliedschaft, Wohngemeinschaften und AdHoc-Gruppen.

Die nach außen gerichtete Politik verlagert sich jetzt, von Ausnahmen abgesehen, auf einen stärkeren Rückzug in die Universität.

Im Herbst 1968 bricht die Organisationsdebatte im SDS so richtig los. Die beginnende Prozesslawine gegen Teilnehmer der bisherigen Aktionen zwingt den SDS jedoch gleichzeitig zur Organisierung einer Solidaritätskampagne für die Angeklagten (Justizkampagne).

Im Dezember ’68 gelingt es dem SDS, für die anstehenden Studentenparlamentswahlen ein „Linkskartell“ zu schmieden, das die Wahlen auch gewinnt. Unter Führung des Linkskartell-AStA’s wird durch die Besetzung des Phil-Turms massiv in die laufende Debatte um ein neues Hochschulgesetz eingegriffen. Es sind die massivsten Aktionen in der Universität seit Beginn der 68er-Bewegung. Trotz des Widerstandes wird das neue Hochschulgesetz verabschiedet.

Als Reaktion werden die Aktivitäten der Basisgruppen an den Instituten verstärkt und der Kampf wird um Inhalte und Didaktik der Fächer geführt.

Während des hier geschilderten Zeitraums sind vor allem folgende außeruniversitäre Ereignisse (mit)prägend:

International:

  • In Griechenland ist die Militärdiktatur im April ’68 ein Jahr alt. Die Junta lässt zum Zwecke der Scheinlegitimierung über eine „neue“ Verfassung abstimmen, ohne dass eine Alternative zur Diktatur zu Wahl steht. Die Unterdrückung der Opposition und der griechischen Demokraten im Exil wird unvermindert fortgeführt.
  • Der Vietnam-Krieg geht, erbitterter denn je, in die entscheidende Phase. Gleichzeitig wachsen seit der am 31. Januar ’68 begonnen Tet-Offensive weltweit, nicht zuletzt in den USA selbst, die Zweifel daran, dass die USA und ihre südvietnamesischen Verbündeten den Krieg jemals gewinnen könnten.
  • Im Iran wächst die demokratische, aber immer stärker auch die islamisch-religiös motivierte Opposition an und wird vom Schah-Regime umso brutaler verfolgt. Zudem werden die linken iranischen Studenten im Ausland und auch in Deutschland verstärkt bespitzelt und bedroht. Die CISNU beklagt in diversen Aktionen politische Todesurteile in Teheran.
  • Im August ’68 marschieren Truppen der SU und anderer Warschauer-Pakt-Staaten in der CSSR ein: die SU festigt mit imperialen Mitteln ihr Glacis, verzichtet aber damit zwangsläufig und endgültig auf einen ideologischen Führungsanspruch im Sinne einer wie immer gearteten „sozialistischen Weltrevolution“. Die Bipolarität in der Welt und die Dominanz zweier Supermächte ist auf ihrem Zenit. Prag wirkt als Ferment in der weiteren Differenzierung zwischen „revolutionären“, radikal linken Positionen und „realsozialistischen“, von SED und Moskau abhängigen Kräften in der BRD.

National:

  • In der BRD regiert seit Dezember 1966 eine Große Koalition aus CDU (Kiesinger) und SPD (Brandt). Sie bekämpft einerseits die erste Rezession seit 1945 und will gleichzeitig die verbliebenen alliierten Besatzungsrechte abbauen. Dafür werden von ihr verlangt, aber auch selbst gewollt:
  • die Verabschiedung von Notstandsgesetzen – die erste gravierende Änderung des GG und Einschränkung der Grundrechte für den Fall innerer Unruhen.
  • Hamburg ist unter seinem rechts-sozialdemokratischen Senat Vorreiter bei der „technokratischen“ Hochschulreform bzw. der Verabschiedung eines entsprechenden Hochschulgesetzes, das den Uni-Betrieb befrieden, disziplinieren und effizienter machen soll, jedoch der Autonomie von Wissenschaft, Forschung, Lehre eine Abfuhr erteilt und alle entscheidenden demokratischen Forderungen der Studenten nach Partizipation und Mitbestimmung negiert. Wenige Jahre später ist der Hamburger SPD-Senat auch Vorreiter bei der Einführung des „Radikalenerlasses“ (Berufsverbote).

Titelseite auditorium 55

  • Titelseite des „Auditoriums“ Nr. 55, 24.6.68 [Mao Projekt]

Bis tief in das Jahr 1968 wurde vom SDS, jedenfalls in Hamburg, die Mitarbeit in den offiziellen Institutionen wie Studentenparlament und AStA, soweit diese nicht als Instrumente und Schutz genutzt werden konnten, offensichtlich als zweitrangig betrachtet. Ein Schlaglicht darauf sind die Wahlen zum Studentenparlament im Sommer ’68:

Wahlergebnis UniWahlen

  • AStA Info 9.7.1968 Wahlsieger,Wahlergebnis der Uniwahlen [Quelle: HIS]

1./2.6.1968
In Frankfurt wird der VDS-„Schüler- und Studentenkongress“ wegen mangelnder Beteiligung aus den Messehallen in die Mensa verlegt und die geplante Rückeroberung der seit Ende Mai von der Polizei besetzten Uni abgeblasen. Vor rund 2.500 Zuhörern kommt es zu einer Kontroversen zwischen Jürgen Habermas und Hans-Jürgen Krahl. Habermas trägt 5 Thesen über „Taktik, Ziele und Situationsanalysen der oppositionellen Jugend“ vor:

Stark zusammengefasst:

„1. Das unmittelbare Ziel des Studenten- und Schülerprotestes ist die Politisierung der Öffentlichkeit.
2. Die Studenten- und Schülerbewegung verdankt ihre Erfolge der phantasiereichen Erfindung neuer Demonstrationstechniken. Die neuen Techniken der begrenzten Regelverletzung stammen aus dem Repertoire des gewaltlosen Widerstandes. Diese Waffen können nur darum verletzen, weil sie nicht töten können.

3. Die Bewegung geht aus einem Potential hervor, das keine ökonomischen, sondern eine sozialpsychologische Erklärung verlangt.
4. Die Proteste folgen Interpretationen, die entweder ungewiss oder nachweislich falsch, jedenfalls unbrauchbar sind, um Handlungsmaximen abzuleiten: a marxistische Krisentheorie, b Annahme, dass aus bestehenden Klassengegensätzen ein politischer Konflikt entfacht werde, c Überzeugung, dass kausaler Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Stabilität der entwickelten kapitalistischen Ländern und der katastrophalen wirtschaftlichen Situation in der Dritten Welt bestehe. Jedes Anzeichen einer revolutionären Lage fehlt.
5. Aus falscher Einschätzung der Situation folgt verhängnisvolle Strategie, die auf Dauer die Isolierung der Bewegung und Schwächung aller demokratischer Kräfte bedeutet.“

  • zitiert nach „Die Linke antwortet Habermas“, 1968, EVA

(Am 11.7. erklärt T. W. Adorno seine Übereinstimmung mit Habermas’ Erklärung.)

Krahls Antwort, gekürzt: „Habermas unterstellt dem SDS eine unreflektierte Orthodoxie der Krisen-, Klassen- und Imperialismustheorie. Er übernehme dogmatisch die alten Lehrstücke der marxistischen Theorie und versuche, sie den neuen gesellschaftlichen Tatsachen aufzuzwingen, woraus mit Notwendigkeit die Wahl von falschen Strategien folge. (…)

1. Die Zusammenbruchskrise des Kapitals lässt in der Theorie von Marx und Engels zwei geschichtliche Möglichkeiten zu: Entweder werden die kapitalistische Gesellschaft und die bürgerlichen Verkehrsformen durch die klassenbewusste Vereinigung des Proletariats umgewälzt oder das Kapital rettet sich durch die politische Konstruktion des autoritären Staates, durch staatliche Wirtschaftsregulierungen und den Abbau bürgerlicher Rechtssicherheit zugunsten sozialer Sicherheit als Instrument der Unterdrückung. Das Bestehen des autoritären Staates der Gegenwart (…), ist ebenso Ausdruck der Krise des Kapitals wie seines temporären Erfolgs, jene in seinem Sinne zu bewältigen. An dem geschichtlich fixierten Endpunkt der letzten Krise und der folgerichtigen Entstehung des autoritären Staates bricht die Theorie von Marx und Engels ab. Für die Epoche des aus ökonomischen Zwängen auf den politischen Eingriff des Staates verwiesenen Spätkapitalismus, steht der Typus einer revolutionären Theorie, welche diese Gesellschaft unter dem Aspekt ihrer Veränderbarkeit beschreibt, noch aus.

2. Habermas‘ These zur Latenz des Klassenkampfes und der Aktualität von Randkonflikten trägt – gerade angesichts der jüngsten Klassenkämpfe in Frankreich – nur zur Verdrängung der notwendigen Problematisierung der Klassentheorie bei. Die für den Kapitalismus spezifische Dissoziierung der Massen und die Isolierung der Individuen voneinander, wie sie einst von der wirtschaftlichen Konkurrenz besorgt wurden, sind durch die Verfeinerung der Regierungs- und Manipulationsinstrumente über die »nur« ökonomisch bedingten Verhältnisse weit hinausgetrieben worden, so dass die Entfaltung eines geschichtlich qualifizierten Klassenbewusstseins und angemessene Organisationsformen des revolutionären Kampfes (und nicht der innerkapitalistischen Interessenvertretung) problematisch geworden sind. Dies gilt unter der Bedingung, dass es politisch nicht darauf ankommen kann, auf eine vom System produzierte, unerträglich gewordene »subjektiv drückende Gewalt« zu warten. Vielmehr ist die Frage zu beantworten, wie im Rahmen einer vom System zwar nur in entstellter Form gewährleisteten materiellen Bedürfnisbefriedigung die unterdrückten Bedürfnisse nach Freiheit, Frieden und Glück ins Bewusstsein der Massen gehoben werden können. Der SDS behauptet keineswegs, die daraus sich ergebenden Fragen der Klassentheorie gelöst zu haben (…)

Auf dem Hintergrund dieser theoretisch offenen und praktisch ungelösten Probleme lassen sich gleichwohl einige strategisch gesicherte Konsequenzen folgern:
a) »Die internationale Einheit des antikapitalistischen Protests« ist keine bloß sentimentale Fiktion, wie Habermas gibt, sondern zeigt eine neue weltgeschichtliche Konstellation an (…) Ihre Identifikation mit den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt (…) erlaubte der Studentenbewegung, die imperialistische Unterdrückung der »freien Welt« zu lokalisieren und sich zugleich von der längst verbürgerlichten, von jedem revolutionären Anspruch verlassenen Realpolitik der Sowjetunion zu distanzieren. Der Kampf der Guerilleros dort lehrt die revoltierenden Studenten hier eine politische Moral der Kompromisslosigkeit, deren Verkörperung nicht zuletzt Che Guevara darstellte.
b) Habermas unterschätzt die systemgefährdende Funktion dessen, was er als »Randkonflikt« bezeichnet. Das Ausmaß, in dem die gegenwärtige kapitalistische Gesellschaft auf der »Bewusstlosigkeit aller Beteiligten« beruht, hat sich geschichtlich vervielfältigt. Um die lohnabhängigen Massen in passiver Abhängigkeit zu halten, bedarf es eines Aufwands an bevormundender Manipulation und Zwangsmitteln, wie nie zuvor. Darum reagiert der Staat schon auf die bescheidensten Ansätze spontaner Aktionen selbst kleinster Gruppen mit dem gereizten Einsatz massiver Gewalt, von Polizeiknüppeln bis zu politischer Justiz. Die mündige Selbsttätigkeit der Bevölkerung vermögen die Herrschaftsinstitutionen dieser Gesellschaft schon im Prinzip nicht zu dulden.
c) Der schwerwiegende Vorwurf, den Habermas gegen den SDS erhebt, besagt, dieser verwechsle den symbolischen Protest mit dem faktischen Machtkampf, erklärbar nur aus einer infantilen Pathologie, die »im klinischen Bereich den Tatbestand der Wahnvorstellung erfülle« (…). Nicht der SDS verwechselt Wunsch und Wirklichkeit, sondern der Staat hat erwiesenermaßen auf den Protest unbewaffneter Gruppen mit dem Einsatz seiner Gewaltmaschine geantwortet, als handle es sich um den faktischen Kampf um die Macht im Staat. Die Pathologie des Staates zwingt diesen, einen vorbeugenden Machtkampf zu führen, (…) Der Staat und seine Versuche, die Gesellschaft zu kasernieren, zwingen die außerparlamentarische Opposition in den Widerstand. Für diese Phase hat sie bislang nur »die Waffe der Kritik«, aber nicht »die Kritik der Waffen« ausgebildet.
Vor einem Jahr hat Habermas als Linksfaschismus denunziert, was er heute als »phantasiereiche Erfindung neuer Demonstrationstechniken« feiert. Der Bildungsprozess, den er inzwischen absolviert hat, ist erfreulich. Gleichwohl hält er an einem akademischen Schema der Praxis fest: erst die Aufklärung, dann die Aktion. Doch dieses Modell ist längst geschichtlich überholt. (…)
Habermas‘ Taktik, die radikale Avantgarde zu isolieren, indem er sie kabinettspolitisch oder nach geschichtlich überholten Öffentlichkeitskriterien von den eigenen Unternehmungen ausschließt, fällt auf ihn selbst zurück: Habermas ist dort angelangt, wo die Studentenbewegung vor einem Jahr war, bei den Formen der Provokation, wie sie auf dem Kongress von Hannover diskutiert wurden. Doch die Phase des provokativen Protests ist vorbei, die des aktiven Widerstands hat begonnen. Habermas kommt als Hegelscher Philosoph post festum; er hinkt der wirklichen Widerstandsbewegung als flügellahme Eule der Minerva hinterdrein.“

  • zitiert nach Hans-J. Krahl, „Konstitution und Klassenkampf“, 1971, S. 242 ff.

15./16.6.1968
Im Republikanischen Club Berlin wird nach der Niederlage der Anti-Notstandskampagne über Basisgruppen und „Krise der APO“ diskutiert. In seinem Redebeitrag erklärt Horst Mahler, die Org-Debatte gehöre jetzt auf die Tagesordnung. Das Proletariat sei jedoch „noch nicht so weit“, deshalb seien „pseudo-proletarische Kaderparteien“ abzulehnen.

20.6.1968

Wesentliche Teile der seit 1956 verbotenen KPD bereiten ein legales Comeback vor. Während informell gegenüber Regierung und Justiz sondiert wird, welche alternativen Szenarien in Betracht kommen könnten, protestieren in Hamburg von der Sternschanze zum Bahnhof Altona 2.500 Menschen für die Wiederzulassung der KPD (Redner: Erich Fried, G. Weber (CVJM) und K. Erlebach vom Initiativausschuss für die Wiederzulassung der KPD.

  • Kraushaar, „Die 68er Bewegung -International“, 2018, Bd. 3, S. 334

Im Februar war schon die „Revolutionäre Sozialistische Jugend‘ (später: Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend/SDAJ) gegründet worden.
An sehr vielen Universitäten und Hochschulen der BRD entwickeln sich im Juni/Juli ’68 zunehmend Proteste und Besetzungsaktionen gegen unzulängliche Studienbedingungen und undemokratische Strukturen. So besetzen z.B. in Tübingen (21.6.) die Psychologiestudenten Räume des zivilen Luftschutzdienstes und benennen es in „Wilhelm-Reich-Institut“ um. Rektoratsbesetzung an der FU Berlin, polizeiliche Räumung der besetzten Institute Ostasien und Sinologie.

23.6.1968
Urabstimmung der westdeutschen Ingenieurstudenten: große Mehrheit für befristeten Vorlesungsstreik. Demos in vielen Städten, in Hamburg mit 3000 Teilnehmern eine der größten. In Düsseldorfs Innenstadt wird ein schrottreifes Auto angezündet und 200 Demonstranten dringen in die Vorhalle des Landtages ein. (Kraushaar, a.a.O. S. 339)

  • Chroniknet.de, Was war am 23.6.1968 [link]

26.6.1968
AStA-Hearing zum Hochschulgesetz.

  • ASTA-Chronik, Micheler, Stefan u.a., a.a.O., S. 107 [pdf]

27.6.1968

AStA-Hearing zum geplanten Hamburger Hochschulgesetz. Nach einem juristischen Gutachten dürfen studentische Vertreter an der Rektorenwahl teilnehmen. Die wird aus Angst vor Störungen auf das wie eine Festung gesicherte DESY-Gelände verlegt. Die Teilnahme des AStA ist umstritten, viele linke Studenten meinen, man hätte die Wahl boykottieren sollen, weil eine Befragung der Kandidaten nicht oder nur hinter verschlossenen Türen stattfindet. Schließlich ziehen die Studenten aus. Prof. Ehrlicher wird wiedergewählt und kritisiert, die Stadt ignoriere bei der Hochschulreform die Vorstellungen der Ordinarien.

  • Micheler/Michelsen: Der Forschung? Der Lehre? Der Bildung? – Wissen ist Macht! 75 Jahre Hamburger Universität. Studentische Gegenfestschrift zum Universitätsjubiläum, 1994, S.107 [pdf]

4.7.1968
Bundesjustizminister Heinemann und H. Ehmke (alle Bundestagsfraktionen sind eingeweiht) erörtern mit Politbüromitgliedern der verbotenen KPD die Möglichkeiten einer Wiederzulassung.

  • Kraushaar, a.a.O. S. 359

Die „Kampagne für Demokratie und Abrüstung“ führt am US-Nationalfeiertag in diversen westdeutschen Städten Aktionen gegen den Vietnam-Krieg durch. In Hamburg bietet das „Sozialistische Straßentheater“ u.a. am Mönckebergbrunnen Sketche.

  •  Kraushaar, a.a.O. S.359

8.7.1968

In den Räumen der Hamburger ESG beginnen 6 griechische Student/inn/en einen Hungerstreik, um gegen die griechische Militärdiktatur zu protestieren.

  • Micheler/Michelsen, S.107 [pdf]

15.7.1968
Es wird bekannt, dass die Büro-Telefone des AStA und des SDS von der Polizei bzw. vom Verfassungsschutz abgehört werden. (Micheler/Michelsen, S.107) [pdf]

28.7. – 2.8.1968
IX. Weltjugendfestspiele in Sofia. SDS-Mitglieder (u.a. KD Wolff), die dort gegen den Vietnam-Krieg protestieren und Mao-, HoChiMinh- und Guevara-Plakate mit sich führen, werden von SDAJ-Mitgliedern und bulgarischer Geheimpolizei vielfach behindert und verprügelt. (Gegen daran beteiligte 5 SDS-Mitglieder wird ein Ausschlussverfahren aus dem SDS angestrengt)

  • SDS Bundesvorstand, a.o. Bundesvorstandssitzung vom 10. August 1968 : Entschließung, in: SDS-Korrespondenz, Jg. 3, Dokumente der XXIII. ordentlichen Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) 12.-16. September 1968, Frankfurt: 1968, S. 29-30 [MAO Projekt]

2.8.1968
In Hamburg wird „von 2 Studenten“ die „Biafra-Hilfe“ gegründet. Die Provinz hatte am 30.5.67 ihre Unabhängigkeit von Nigeria erklärt und wird seit 6.7.68 von einem rücksichtlosen Wiedereingliederungskrieg überzogen., in dessen Verlauf mehr als eine Millionen Menschen direkt oder an Hunger sterben. Einer der “Biafra-Hilfe“-
Gründer ist Tilman Zülch, der zwei Jahre später die Initative zur Gründung der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ weiterentwickelt. Der SDS hält sich zurück, weil er den Separatismus der Igbo‘s eher ablehnt.

  • Kraushaar a.a.O.

20./21.8.1968
Einmarsch in der CSSR. Eher verhaltene Proteste seitens der APO. Spürbar die Angst vor neuer antikommunistischer Welle.

In Frankfurt (u.a. SDS) ca. 300 Studenten und Schüler. In Bonn (aufgerufen vom Bundesjugendring) mit 6.000 und München (7.000) die größten Demos. In Berlin 1200 Linke und ca.10.000 bei Senats-Kundgebung. Erst am 2.9. in Frankfurt Teach-In des SDS: Dubcek wollte mehr Demokratie für ökonomische Reformen. Selbstkritische Töne, sich nicht genügend mit dem Stalinismus und seinen verschiedenen Phasen bis heute auseinandergesetzt zu haben.

  • Kraushaar a.a.O., S.397

In Hamburg findet (außer einer Kundgebung von DGB, Bürgerschaftsparteien etc. auf dem Rathausmarkt) am 21.8. eine Demo (Aufruf von AStA, SHB und HSU; SDS?) von 2.500 Studenten und anschließende Versammlung im Audimax statt, Der SDS gibt eine Presseerklärung raus. (s.u.). Ein Minderheitsflügel im SDS erklärt die Invasion indes für notwendig (Erinnerung von Arwed Milz).

  • Hamburger Abendblatt, Hunderte standen am Straßenrand, Nach dem Schweigemarsch Diskussion, Hamburger Abendblatt, Nr.195, 22.08.1968, S.3 [Original pdf]

  • Presseerklärung des SDS Hamburg zur militärischen Intervention des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei, Flugblatt, 08.1968, [Quelle: HIS]

September 1968
Der Voltaire-Verlag veröffentlicht Briefe an den rekonvaleszenten Rudi Dutschke. Er selbst erklärt, eine „sich steigernde Gegengewalt“ sei die richtige Antwort auf die Angriffe des Staatsapparates und bedauert, dass die Springer-Blockaden nicht besser organisiert gewesen seien: „Wollen wir uns weiterhin ununterbrochen kaputtmachen lassen?“

  • , Hg. S. Reiser, „Briefe an Rudi“ zit. nach Kraushaar a.a.O. S.429

14. September 1968
Angelehnt an das Berliner Vorbild, bietet jetzt auch in Hamburg ein „Republikanischer Club“ in der Rothenbaumchaussee 95 Räume und eine Plattform für Veranstaltungen, AGs und Diskussionen – zwei noble Jugendstil-Villa-Etagen. Den RC gibt es eigentlich schon seit eineinhalb Jahren, er blieb jedoch mangels geeigneter Räume fast unsichtbar. Nun kommt es zu einem zweiten Anlauf und damit sofort zu Diskussionen über die politische Ausrichtung: er ist jetzt offen für ein ganz breites Spektrum: alte KPD-Genossen, linke Sozialdemokraten, Literaten und NDR- oder „Konkret“-Redakteure, aber auch SDS-Mitglieder – ein breites Sammelbecken und Forum der Hamburger APO. Gewisse Bedeutung bekommen mit der ansteigenden Welle von Strafverfahren der auch von SDS-Mitgliedern getragene „Arbeitskreis Kritische Justiz im RC“, sein Rechtshilfe-Fonds und die dort herausgegebenen „Rädelsführer-Infos“. „Zur Sache“, AStA-Zeitung, August 1968: Spendenaufruf des Rechtshilfefonds) und

  • Autorenkollektiv Hamburg, Republikanischer Club Hamburg, Partisan Nr.2 Räte und Anarchismus, Hamburg, 11.1968 S.5-8 [pdf]

12.-16.9.1968
23. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt. Es zeigen sich erste Selbstauflösungstendenzen. Der BV unter KD Wolff konstatiert, dass die spontane Bewegung zu Ostern und die Anti-Springer-Mobilisierung organisatorisch und strategisch nicht stabilisiert werden konnten. Nach der Anti-Notstandskampagne müsse parallel zum nun dringlichen werdenden Kampf gegen die Prozesslawine und Ordnungsverfahren eine „Kampagne gegen die Bundeswehr und deren autoritäre Strukturen“ in den Mittelpunkt rücken. Das Beispiel USA zeige, dass Kriegsdienstverweigerung und bewaffneter Widerstand sich nicht ausschlössen. R. Reiche fordert z.B., man solle in die Bundeswehr gehen und nach dem Absolvieren der Grundausbildung den Wehrdienst mit politischen Argumenten verweigern.

In der Organisationsdebatte stehen sich im Wesentlichen die Berliner und die Hamburger Position gegenüber. Während die Berliner die Einrichtung von „Sekretariaten“ zu Anleitung und Koordination der verschiedenen inhaltlichen und Aktionsschwerpunkte sowie die Entsendung von „Reisekadern“ zur Schulung und Unterstützung der kleineren Gruppen vorschlagen, plädiert das Delegiertenkollektiv des SDS Hamburg in seinem „Modell der Drei Ebenen und zwei Räte“ für eine basis- und rätedemokratische Struktur und kritisiert die Berliner wegen ihres Zentralismus und abgehobenen Konzeptes der Reisekader, der die autoritären Strukturen in der anti-autoritären Bewegung eher weiter verstärke werde.

  • Kommisarischer Bundesvorstand SDS, Frankfurt, Dokumente der 23. ordentlichen Delegiertenkonferenz des SDS 13. -16. September 1968, Modell der drei Ebenen und zwei Räte, S.79-82 [Mao Projekt]

Helke Sanders thematisiert in einer aufsehenerregenden Rede im Namen des „Aktionsrates zur Befreiung der Frauen“ die unterdrückte Rolle der Frauen im SDS als Spiegel ihrer Situation in der Gesellschaft. Als nach dem Vortrag unvermittelt in der TO weitergegangen wird, fliegen Tomaten auf das Präsidium. In vielen Uni-Städten und in der linksradikalen Bewegung gründen sich wenig später „Weiberräte“.

Fünf dem sogenannten „traditionalistischen“ Flügel angehörende Mitglieder werden wegen der Vorfälle in Sofia (s.o.) aus dem SDS ausgeschlossen.

Wegen der umstritten und offen bleibenden Organisationsfrage wird die Delegiertenkonferenz nicht zu Ende geführt und eine baldige Fortsetzung beschlossen. Als provisorischer Bundesvorstand werden die Delegierten Bärmann, Noth und Schmierer gewählt.

  • Kommissarischer SDS Bundesvorstand: SDS-Korrespondenz, Jg. 3, Dokumente der XXIII. ordentlichen Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) 12.-16. September 1968, Frankfurt: 1968. [MAO Projekt]

26./27.9.1968
Bundesseminar des SDS zur Hochschulpolitik in Heidelberg. Erneut stehen die offenen organisatorischen und strategischen Fragen des „Wie weiter?“ im Mittelpunkt. Aus dem zentralen Referat von J. Schmierer: „An den meisten Hochschulen entstand aus den Erfahrungen der Notstandsaktionen, das Basisgruppenkonzept als eine Möglichkeit, wenigstens verbal, eine praktische Perspektive zur Weiterführung der Hochschulrevolte aufzuzeigen. Das Basisgruppenkonzept wurde jedoch sehr schnell dogmatisiert und zu einem Allheilmittel …. stilisiert. Schon in seiner Genese an den einzelnen Hochschulen war ein ahistorisches und dogmatisches Element: vielfach wurde es unter Abstraktion seiner konkreten Herausbildung in Berlin unreflektiert als Aufgabe und Ausweg postuliert statt seinen jeweiligen Zusammenhang mit der bisherigen Studentenbewegung an den einzelnen Hochschulen zu analysieren und die verschiedenen Motivationen zu berücksichtigen … Auf dem Heidelberger Seminar zeigte sich, dass das Basisgruppenkonzept von einem Scheitern der bisherigen SDS-Politik ausgeht und als Ansatz einer qualitativ neuen Hochschulpolitik verstanden wird … Die bisherige Politik des SDS ist aber nicht gescheitert, sondern an ihre Grenzen gelangt. Das Basisgruppenkonzept ist Produkt und Antwort auf diese Krise. Es konkretisiert die bisherige SDS-Politik und negiert sie keineswegs … Die Form der Massen Teach-ins und Massenaktionen, die den Konflikt mit der bestehenden Gesellschaft auf einer allgemeinen Ebene austrugen, und die jetzt an ihre vorläufige Grenze gestoßen ist, brachte innerhalb des SDS eine bestimmte Art von Sprechern hervor, deren Lebensform als Quasiberufsrevolutionäre die subjektive Widerspiegelung der Herausentwicklung der Studentenbewegung aus der Universität ist. … Der SDS steht vor der Notwendigkeit, eine neue Avantgarde herauszubilden…, … Die Basisgruppen dürfen sich außerdem nicht verselbständigen, um im Konfliktfall von der ganzen politischen Studentenbewegung geschützt werden zu können, d.h. dass gerade für das Basisgruppenkonzept eine Besetzung des AStA, der partielle Konflikte auf die allgemeine Universitätsebene heben und damit verallgemeinern kann, eminent wichtig ist … Nur wenn die Basisgruppen an die allgemeine Problematik der Studentenbewegung anschließen und eine inhaltlich bestimmte Funktion in dieser erfüllen, werden sie auch Möglichkeiten der Kooperation untereinander finden, die ihnen durch die Fachstruktur der Universität ja zunächst verweigert sind. Das aber heißt, dass …sie als organisatorische Teillösung von Teilproblemen der Protestbewegung begriffen werden müssen.“

  • SDS Heidelberg/Projektgruppe Hochschule: SDS-Korrespondenz, Bericht vom Bundesseminar zur Hochschulpolitik Heidelberg, 26-27.10.1968, Heidelberg: 1968. [MAO Projekt]

26.9.1968
Kurt Bachmann gibt auf einer PK in Frankfurt die (4 Tage vorher vollzogene) Gründung der DKP bekannt. In einer bei dieser Gelegenheit verbreiteten Erklärung wird sich zur „sozialistischen Gesellschaftsordnung“ in der DDR und zu SED bekannt, während es über die CSSR heißt, dort sei eine „ernste Gefahr, sowohl für die sozialistische Gesellschafts- und Staatsordnung im Inneren des Landes, wie für die Sicherheitsinteressen aller …sozialistischen Länder und den Frieden in Europa entstanden war.“ Die militärische Intervention der SU u.a. habe „ausschließlich der Beseitigung dieser Gefahren (gegolten)“.

  • Extra Dokumentation, Bundesrepublik: Konstituierung einer neuen KP, in: Berliner Extradienst Nr.80 5.10.1968 S.9-11 [Berliner Extradienst PDF]

27.9.1968
Auf der Hamburger Moorweide protestieren mehrere Hundert demokratische und linke Exil-Griechen mit starker Unterstützung des SDS gegen das von der Junta ausgerufene Zwangsreferendum über eine neue Verfassung als eine Scheinabstimmung.

  • Hamburger Abendblatt , Demonstration mit Störungen, Hamburger Abendblatt,  Nr.227, Jg.21, 28.9.1968,  S.3 [Original PDF]

8.10.1968
In Hamburg veranstaltet die linke WG „Ablassgesellschaft“ (u.a Kai Ehlers) zwei Happenings, bei denen mehrere Hundert Hamburger stilisierte Demonstrationen von repressionsfreiem Sex und Drogenkonsum bestaunen.

  • Kraushaar, a.a.O., S. 471 ff.
  • SDS-Website, Kai Ehlers, o.O., o.J., Auszug, Notizen über mich selbst „Gesättigt und versorgt träumten wir von einer konsumfreien Welt“  [pdf]  [link]

12.10.1968
Im „Hamburger Abendblatt“ geben der 2. AStA-Vorsitzende Jens Litten und Uni-Rektor Prof. Ehrlicher ein gemeinsames Interview. Jetzt gelte die Konzentration der Hochschul- und Studienreform. Litten: die größten Chancen bei den nächsten Studentenparlamentswahlen habe der RCDS, der SDS habe nach der letzten (23.) DK viele Anhänger verloren. Einen heißen Winter und „spektakuläre Aktionen dürfte es kaum geben.“

  • Hamburger Abendblatt: Wintersemester wird nicht „heiß“ : Darüber sind sich Rektor und AStA einig, Hamburger Abendblatt, Nr. 239, Hamburg: 12./13.10.1968, S. 9. [Original pdf]

11.-13.10.1968 SDS-Regionalkonferenz Hamburg
Schwerpunkt der Diskussionen: Hochschulpolitik, Bilanz der letzten eineinhalb Jahre, Verhältnis universitäre/außeruniversitäre Arbeit, Perspektiven.

Rückblickend wird die Hochschulpolitik des SDS Hamburg „in seiner wissenschaftlichen Methode ideologiekritisch und in seiner politischen Praxis radikaldemokratisch“ bezeichnet. Es fehle eine materialistische Analyse (Hochschule als Produktionsstätte von qualifizierter Arbeitskraft und „theoretischen Produktionsmitteln“ im Kapitalismus), um revolutionäre/sozialistische Perspektiven zu entwickeln.

Die außeruniversitären Aktionen wie Vietnamkrieg, Schahbesuch, Ohnesorg-Erschießung, Dutschke-Mord, Springer-Kampagne hätten die Mobilisierung und Politisierung der Studenten über ihren Arbeitsplatz hinaus ermöglicht. Diese Mobilisierung sei vom SDS auch für die inneruniversitären Auseinandersetzungen genutzt worden.

Die offensive Phase in der Hochschulpolitik, hätte, so heißt es in der Analyse des Konferenz weiter, mit der Rektoratsfeier vom 9.11.67 (Unter den Talaren….) und den nachfolgenden Aktionen begonnen: Sprengung der Wenke-Vorlesung, Kirchenaktion gegen Thielicke u.a. Es folgten Podiumsdiskussionen, VV, Teach-ins, Rektoratsbesetzung usw. Im WS 67/68 erlangte der SDS etwas größeren Einfluss im Studentenparlament und in den Fachschaften.

Es wird konstatiert, dass die Arbeit in den universitären Institutionen sich hemmend für die Selbstinitiative der noch unorganisierten Studenten ausgewirkt habe („erst mal abwarten, was der ASTA macht oder das Parlament beschließt“). Die permanente Mobilisierung sei nicht aufrechtzuerhalten. Das Studentenparlament erweise sich angesichts seiner Zusammensetzung eher als hemmend. Die politischen und praxisrelevanten Entscheidungen seien v.a. vom SHB und SDS außerhalb des Parlaments getroffen wurden. Für die Arbeit im Studentenparlament müsse in Zukunft eine größere Öffentlichkeit hergestellt werden.

Auf der Ebene der Fachschaften/Institute sollte in Anknüpfung an die Kritische Universität (KU) von 1967/68 eine neue KU durchgesetzt werden. „Ausgehend von der Kritik am fachspezifischen, positivistischen Wissenschaftsbegriff ist die Kritik und Analyse der gesellschaftlichen Reproduktion der fachspezifischen Wissenschaften – die gesellschaftliche Funktion der Berufspraxis – zu erstellen“. Dieses sollte in neuen, kollektiven Formen der Wissens-Vermittlung erfolgen. In Instituten und Seminaren seien Störungen, Umfunktionierungen, Gegenseminar wirksame Mittel.

Darüber hinaus spricht sich der SDS für die Bildung eines „Linkskartells“ unter Beteiligung aller progressiven Hochschulgruppen aus, um die Macht des auf den RCDS gestützten Jankowski/Litten-ASTA abzulösen.

  • SDS Hamburg: Die Radikaldemokratische Hochschulpolitik in Hamburg, in: SDS: SDS Regional-Konferenz 11. – 13.10.1968 in Hamburg, Hamburg: 11.10.1968. [pdf] [Quelle: FZH]

14.10.1968
Beginn des sogen. Kaufhausbrand-Prozesses. Ensslin, Söhnlein und Proll sind angeklagt, am 3. April in zwei Frankfurter Kaufhäusern Brände gelegt zu haben (Am 31.10 werden sie zu je 3 Jahren Zuchthaus verurteilt.)

24.10.1968
Der Jankowski/Litten-AStA tritt zurück (Litten erklärt offiziell, er habe „private Gründe“). An seine Stelle tritt der AStA Jankowski (SHB)/Grote (RCDS). Letzterer war schon vorher AStA-Referent. Tatsächlich wurde bei Litten wohl im SHB nachgeholfen, denn Anfang November wird er aus dem SHB ausgeschlossen, angeblich wegen zu großer Nähe zum RCDS. (Marc S. Lengowski in Zeitschrift des Vereins f. Hamb. Geschichte, Bd. 99, S.88). Generell gilt, dass sich der SHB immer mehr in zwei Flügel teilt – einen „realpolitischen“ und einen, der perspektivisch eine Wiedervereinigung mit dem SDS anstrebt und eng mit ihm kooperiert.

  • Marc-Simon Lengowski: Von der„pragmatischen Variante der Studentenbewegung“ zum „1. befreiten Institut“: 1968 an der Universität Hamburg und seine lokalen Besonderheiten [pdf]

29.10.1968
Der VDS kündigt für Januar 1969 in der ganzen Bundesrepublik und Westberlin Vorlesungsstreiks der Studenten an, um der Forderung nach Demokratisierung der Hochschulen Nachdruck zu verleihen.

31.10.1968 Wissmann-Denkmal wird endgültig gestürzt
Der endgültige Sturz des Wissman-Denkmals, an das von SDS-Studenten schon mehrfach, aber nicht nachhaltig Hand gelegt wurde, erfolgt ganz demokratisch. Er wird mehrheitlich im Studentenparlament beschlossen, weil man Solidarität mit den angeklagten Studenten üben will, die im August 1967 erstmals versucht hatten, das Wissmanndenkmal zu schleifen. Der Beginn ihres Prozesses ist für den 6.11.1968 geplant (s. u.). Eine Abordnung wird entsandt und die beendet das Kapitel. Der bronzene Wissmann wird unter großem Jubel kurz in der Mensa präsentiert und dann endgültig (?) ausgelagert.

  • Hamburger Abendblatt, Nach den Debatten Sturm auf Kolonialdenkmäler, diesmal zogen die Studenten vereint an den Stricken, Hamburger Abendblatt, Nr.256, 01.11.1968, S.3 [Original pdf]
  • Hamburger Abendblatt, Jetzt steht Wissmann in der Mensa, Hamburger Abendblatt Nr.257, 02/03.11.1968, S.12 [Original pdf]
  • 50 Jahre Denkmalsturz Interview Zeitzeugin Inge Jahnke, SDS Hamburg, 04.04.2019 [Forschungsstelle Uni HH]

[Quelle: HIS]

4.11.1968 „Schlacht am Tegeler Weg“ in Berlin.
Aus Anlass des Ehrengerichtsverfahrens gegen Horst Mahler liefern sich unter Führung des Westberliner SDS rund 2.000 Studenten, darunter auch erstmals etliche junge Arbeiter aus dem „Rocker“- Milieu, eine stundenlange Straßenschlacht mit der Polizei, die schließlich zurückweichen muss. Es fliegen massenhaft Steine hin und her; woher plötzlich die LKWs mit Pflastersteinen kamen, ist bis heute nicht geklärt. Anschließend wird über diese Schlacht bundesweit heftig diskutiert. Der SDS wertet es überwiegend als „neue Stufe der Militanz“, erstmals habe es sich gezeigt, dass man sich erfolgreich gegen den Polizeiterror wehren könne. Auf der PK im RC spricht P.Gäng (SDS) wenige Tage später von einem „direkten Angriff auf den Staatsapparat“, im anschließenden überfüllten Teach-In im Audimax distanzieren sich Gollwitzer, Kadritzke (SHB) u.a. von der Gewalt und halten sie für unvereinbar mit dem emanzipatorischen Charakter der Bewegung, Semler, Horlemann, Gäng, Schlotterer u.a. verteidigen sie als „spontane Erhebung“ und als notwendige Antwort, wenn man nicht nur immer Opfer sein wolle.

  • infopartisan.net, die Schlacht am Tegeler Weg, 4.11.1968  [link]

6.11. 1968 Wissmann-Prozess in Hamburg.
Wegen des viel zu kleinen, von massivem Polizeiaufgebot geschützten Gerichtssaales ziehen die Angeklagten und ihre Verteidiger sowie die rund 200 Unterstützer, die gekommen sind, zur weiteren „öffentlichen Verhandlung“ ins Audimax um. Das Gericht folgt ihnen nicht, erlässt aber Haftbefehl gegen die Angeklagten. Im Audimax findet mit 1.000 Teilnehmern ein Teach-In zur Anklageschrift und politischen Dimension des Prozesses statt. Gegen die Zusage, zum nächsten Verhandlungstag zu erscheinen, werden die Haftbefehle zurückgenommen. Vor und während des Prozesses informiert das „Rädelsführer“-Info (s.o. und u.) fast täglich über die juristischen Details und den kolonialistischen Hintergrund des Wissmann-Denkmals. Am 11.11. kommt es zum Urteil: DM 300.- Geldstrafe für jeden Angeklagten.

  • Hamburger Abendblatt, Abends gingen sie zum Gericht, Montag findet die Verhandlung gegen die Wissmann- Angeklagten statt, Hamburger Abendblatt, Nr. 261 07.11.1968, S.6 [Original pdf]

  • Anklageschrift der Staatsanwaltschaft des Landgerichts Hamburg vom 9.5.1968 [Quelle: HIS]

  • Arbeitskreis Justiz im Republikanischen Club,  Wissmannprozess, Verhandlung verlegt: vom Justizpalast ims Audimax, Flugblatt, 6.11.1968 [Quelle: HIS]

7.11.1968
Auf dem CDU-Parteitag in Westberlin ohrfeigt Beate Klarsfeld den Vorsitzenden und Bundeskanzler Kiesinger („Nazi!“). Schnellgericht (!): 1 Jahr Gefängnis, Klarsfeld ist aber französische Staatsbürgerin und muss die Strafe nicht antreten.

7.11.1968 Erhard Neckermann SDS verhaftet wegen des Wissmann Prozesses (siehe Foto im Artikel)

Hamburger Abendblatt, Student verhaftet, eine Nacht im UG, Hamburger Abendblatt, Nr.262 08.11.1968, S.3 [Orignal pdf]

8.11.1968
In Hamburg demonstrieren rund 500 Lehrlinge gegen die Gewerbeordnung („Zucht und Ordnung der Lehrherren“) und für Mitbestimmung über die Berufsausbildung.

  • Hamburger Abendblatt, Demonstration für bessere Berufsausbildung, Hamburger Abendblatt, Nr.263, 09/10.11.1968 S.5 [Original pdf] Artikel enthält ein Foto der Demo

9.11.1968
Bei einer vom SDS Westberlin initiierten Vietnam-Demo rückt erstmals die Parole „Sieg im Volkskrieg“ in den Mittelpunkt – sie wird auf einem Banner dem Demonstrationszug vorangetragen.

  • Foto, abgedruckt bei Kraushaar, a.a.O. S. 512

11.11.1968 Urteile im Wissmann Prozess

Wegen gemeinschaftlichen Hausfriedensbruchs verurteilte das Hamburger Amtsgericht gestern… vier Studenten und einen Regieassistenten in Abwesenheit zu je 300 DM Geldstrafe.

  • Hamburger Abendblatt, Die Urteile im Wissmann Prozess: 300 DM Geldstrafe, Hamburger Abendblatt, Nr.265, 12.11.1968, S.5 [Original pdf]
  • Hamburger Abendblatt, Angeklagte kamen nicht zum Termin, Hamburger Abendblatt, Nr.264 11.11.1968 S.1[Original pdf]

16.-18.11.1968 Fortsetzung der (unterbrochenen s.o.) 23. SDS-Delegiertenkonferenz in Hannover.
Die disparaten, partikularistischen Tendenzen, ja Auflösungserscheinungen im Verband setzen sich fort. Zum Teil chaotische Diskussionen mit Happening-Einlagen. Im Mittelpunkt die Organisationsfrage, die Justizkampagne (inzwischen weit über 1000 Strafverfahren gegen demonstrierende und widerständige Studenten), Bundeswehrkampagne/KV.

Insbesondere die Westberliner, aber auch die Heidelberger und Frankfurter wähnen sich schon auf einer höheren Stufe des Kampfes gegen den Staatsapparat, nehmen wenig Rücksicht auf die Probleme der kleineren Gruppen und plädieren in der Organisationsfrage für mehr zentrale Koordination , aber alle sind sich einig, die „sozialdemokratischen Strukturen“ überwinden zu müssen. Aber wie? In die Diskussion platzt ein Flugblatt des Frankfurter „Weiberrates“, demzufolge die „sozialistischen Eminenzen“ im SDS von ihren „bürgerlichen Schwänzen“ zu befreien seien.

  • Flugblatt des Frankfurter Weiberrates 17.11.1968 [link]
  • Spiegel, Die rosa Zeiten sind vorbei, Peter Brügge über die Frauen im SDS, Der Spiegel, Nr.48, 25.11.1968 S.60-62 [Original pdf]
  • siehe dazu Filmbeitrag von Günther Hörmann zur Delegiertenkonferenz des SDS  Hannover Nov. 1968 [Filmlink]

25.11.1968  Hamburg: Teach-in zur Hochschulreform

Der ASTA (Jankowski/Grote) lädt Vertreter der Bürgerschaftsfraktionen ins Audimax zur Hochschulreform ein. Im Vorfeld ruft der K-Ausschusss der Phil-Fak. (Malin/Hinrichsen, Basisgruppe Germanistik) zu Aktionen auf, da nur durch massenhaften Druck der Studenten bei Verhandlungen etwas zu erreichen sei. Es wird berichtet, daß die ehemaligen ASTA Vorsitzenden Albers  und Behlmer den Klose-Ausschuss (Reformkomission von SPD, Studenten- u.a. Gruppenvertretern, die den Senatsentwurf zum HG modifizieren will) verlassen haben, da sie auch in ihm die studentischen Minimalforderungen nicht mehr vertreten sehen.

Auf dem Teach-in kommt es zu heftigen Diskussionen und zum Eklat, als der Schulsenator Drexelius mit Bananenschalen und Konfetti beworfen wurden.

Hamburger Abendblatt, Studenten warfen mit Bananschalen, Hamburger Abendblatt, Nr. 276, 26.11.1968, S.3 [Orignal pdf]

 

  • Kostenloser Sonderdruck des Hamburger Abendblatts vom 22.10.1968 [Quelle: HIS]

SHB Forderungen zur Hochschulreform

  • Beispiel zu den Forderungen linker Studenten/hier des SHB an das Hochschulgesetz, Flugblatt, Sozialdemokratischer Hochschulbund 11.1968 [Quelle: HIS]

2.12.1968 Arbeitstagung zur Gründung eines „Linkskartells“
Mit dem Flugblatt „Statt Bananenschalen – Basisarbeit!“ ruft der SDS „alle Linken“ zu einer Arbeitstagung zur Gründung eines Linkskartells für die nächsten Wahlen zum Studentenparlament im Januar 1969 auf. Grundlage soll eine vom SDS erstellte 30seitige Broschüre zur Hochschulpolitik mit dem Titel „Basisarbeit“ sein. Sie enthält Analysen zum Verhältnis von Industrie und Studienreform, Wissenschaft als Produktivkraft, Thesen zur Hochschulpolitik und zur Funktionsbestimmung der Fachbasisgruppen an der Hochschule und Schwierigkeiten der Umsetzung in den Instituten.

  • SDS Hamburg,  Flugblatt: Statt Banaenschalen Basisarbeit, [Quelle: Archiv Uni Hamburg] 2.12.1968 [SDS Flugblatt]
  • SDS Hamburg, Broschüre SDS Basisarbeit Hamburg Auszug 6.) Funktionsbestimmung der Fachbasisgruppen an der Hochschule und 7.) Schwierigkeiten des Basisgruppenkonzepts und der politischen Arbeit  in den Instituten,  12.1968, S.17 -21  [SDS Basisarbeit]

6.12.1968
In Hamburg demonstrieren rund 1.000 demokratische und linke Exil-Iraner (CISNU) und Exil-Griechen mit starker Unterstützung des SDS, der HSU und des SHB an der Moorweide gemeinsam gegen Todesurteile in Persien und die Terrorjustiz der griechischen Junta. Der anschließende Demonstrationszug führt auf einem Rundkurs durch die Innenstadt, wo u.a. die Fensterscheiben griechischer und iranischer Fluggesellschaften sowie Handelsmissionen eingeworfen werden. Bevor die Polizei die Demo an ihrem ursprünglichen Ausgangspunkt auflösen kann, müssen auch die Fensterscheiben des Amerika-Hauses leiden.

  • Hamburger Abendblatt, Demonstrationszug durch die Stadt, Hamburger Abendblatt, Nr.286 07/08.12.1968, S.4 [Original pdf]

9.12.1968
In Hamburg wird die Uraufführung von Henzes „Floß der Medusa“ in den Messehallen von der SDS-Projektgruppe „Kultur und Revolution“ gestört und letztlich verhindert.

NDR wollte live übertragen und reagiert empört. Henze selbst bekundet seine Solidarität mit den Motiven der Demonstranten

  • Die Zeit: Konzertskandal in Hamburg, Rot vor den Augen, Warum Hans Werner Henzes Oratorium „Das Floß der Medusa“ nicht uraufgeführt werden konnte, Die Zeit, Nr.50, 13.12.1968, [Zeit Archiv]
  •  Spiegel: Affären, Henze, Sie bleibt, Hamburg, 16.12.1968, Nr.51, S.151-152 [Original pdf]
  • Hans Ulrich Wagner,NDR: Das Floß der Medusa“ – Aufregung um ein Oratorium, Hamburg: 21.12.2012 [NDR]

11.12.1968
Prof. K. Pawlik (einer von drei Ordinarien am Psychologischen Institut) soll zum Dekan der Philosophischen Fakulät gewählt werden. Das scheitert zunächst am wütenden Protest der Studenten, weil Pawlik an einer Planungsgruppe der Polizei für Einsatzstrategien bei jugendlichen Großveranstaltungen beteiligt war. (Wahl unter Polizeischutz im Museum für Hamburgische Geschichte 7 Tage später.)

  • Micheler/Michelsen, a.a.O.

12.12.1968
Sogenannter „Busenprozess“ in Hamburg. Ein Verfahren gegen eine SDS-Studentin (U.S.) wegen Hausfriedensbruch wird zur Aufklärung über die politische Rolle der Justiz genutzt. Zu Beginn lehnt die Verteidigung den Richter wegen Befangenheit ab und die Angeklagte erklärt:

„Die Unverfrorenheit, mit der Sie es auf eine Bestrafung angelegt haben, zeigt mir, dass offensichtlich auch Sie, dem obrigkeitsstaatlichen Denken einer Strafgesetzgebung von 1870 befangen, zur autonomen Entscheidung nicht fähig sind. Reflektieren Sie doch mal den gebräuchlichen Befragungsritus und dass ich von vornherein für Sie schuldig bin. Das alles sind in meinen Augen bewusst repressive Mittel, die mich einschüchtern sollen und die Irrationalität dieser Rechtsprechung verschleiern sollen. Ich bin der Überzeugung, dass Sie nicht fähig sind, mein Verhalten im politischen Zusammenhang zu verstehen.“

Als der Befangenheitsantrag abgelehnt wird, springen die weiblichen Mitglieder der SDS-„Projektgruppe Emanzipation“ auf die Sitzbänke, entblößten ihren Oberkörper und deklamieren ihre Variante einer der Brecht-Ballade „von den asexuellen Richtern“. Der Richter hört zunächst stoisch zu und lässt dann die Polizei den Saal räumen und die „Projektgruppe Emanzipation“ festnehmen.

Presse-Fotos mit den „Busenmädchen“ und entsprechende Berichte machten bundesweit die Runde. Prozessakte H. M. Die Sicht des damaligen Richters unter dem Link:

  • MHR,  Der „Busen-Prozess“- Eine Fußnote zur 68er Szenerie –  Mitteilungen  des Hamburgischen Richtervereins Nr. 1/2004 vom 15. März 2004  S.29-32  [link]
  • Spiegel, Und wir zeigen unsere Brüste für jeden, Spiegel, Nr.51,16.12.1968, S24 -25 [Original pdf]

Dezember 1968
In diesem Herbst/Winter ist der SDS – besser: seine noch bestehenden Teile – neben der permanenten Aufklärungs- und Solidaritätsarbeit für die justiziell Verfolgten insgesamt stark auf den „Kampf gegen die „technokratische Hochschulreform“ fokussiert, die die „Widersprüche der Ordinarien-Universität kanalisieren (soll) anstatt sie zu lösen.“ (Presserklärung des SDS-BV vom 12.12.68) In Frankfurt wird das Soziologische Seminar besetzt. Heftige Auseinandersetzungen des SDS mit Habermas, Adorno, Friedeburg und Mitscherlich.

  • Kraushaar, a.a.O., S. 540 ff.

31.12 1968 Gründung der KPD/ML in Hamburg
(Ernst Aust und „32 Delegierte“)

  • siehe Wikipedia,  [link]

1969

Januar 1969
Streik- und Besetzungsaktionen an vielen Universitäten und Hochschulen, v.a. in Frankfurt, Heidelberg, Westberlin, Freiburg, Tübingen, Marburg). U.a. wird in zahlreiche Dekanate eingedrungen, um Akten zu sich häufenden Relegationsverfahren und Strafanzeigen zu suchen und zu vernichten. Auch in das Frankfurter Institut für Sozialforschung wird eingedrungen, u.a. Haftbefehl gegen Krahl wg. schweren Hausfriedensbruchs und Nötigung.

Daneben zahlreiche Anti-Bundeswehr- und KV-Aktionen, an denen der SDS beteiligt ist.

Auch in Hamburg eskaliert die Auseinandersetzung um die zukünftige Struktur der Universität bzw. das geplante Hochschulgesetz. Im Fokus die darin enthaltenen Bestimmungen zum NC, Zwangsexmatrikulation, Prüfungsordnungen, Stellenbesetzungsverfahren und die Verweigerung der Drittelparität und des sogen. politischen Mandats, fehlende Autonomie der Hochschulen.

Linksrutsch: Anfang Januar übernimmt nach den Wahlen zum Studentenparlament ein Bündnis aus SDS, SHB, und HSU den AStA (V. Malin und G. Hopfenmüller). Wahlbeteiligung 59%. In Gesamt-und Fakultäts- Vollversammlungen werden für Anfang Februar, vor der 2. Lesung des Hochschulgesetzes, Streiks beschlossen.

Im besonderen Brennpunkt: das Psychologische Institut. Lediglich 3 ordentliche Professoren für 500 Studenten – Hofstätter, Tausch und Pawlik (Letzterer s.o.). Es ist der Beginn der heißesten Phase der Studentenbewegung in Hamburg 1967-1969:

12.1.1969
Am 12. Januar 1969 gründet der Flügel der sogenannten „Traditionalisten“ im SDS aus allen Teilen der Bundesrepublik, vornehmlich aber aus Nordrhein-Westfalen und vor allem von den Universitäten Köln und Bonn in Westhofen die Assoziation Marxistischer Studenten – Spartakus (AMS). Es ist die erste organisierte Abspaltung vom SDS seit dem Unvereinbarkeitsbeschluss der SPD. Im Zuge der Auseinandersetzungen innerhalb des SDS um die künftige Strategie des Verbands standen sich zwei starke Fraktionen gegenüber, eine „antiautoritäre“ und eine „traditionalistische Strömung“.  Die Antworten

  • auf die Frage nach der Bedeutung von Organisation und Organisiertheit,
  • auf die Frage nach dem Stellenwert möglicher Bündnispartner, als welche die „Traditionalisten“ vor allem die abhängig Beschäftigten mit ihren Organisationen, den Gewerkschaften, sahen
  • auf die Frage der Verbindung von außerparlamentarischen mit parlamentarischen Kampfformen

gingen weit auseinander. Die „Traditionalisten“ kritisierten, daß ihre Opponenten „den Erkenntnisstand des Frühsozialismus“ repräsentierten.

  • Siehe Webseite Deacademic  [link]

27.1.1969
Der SDS – Hamburg gibt die erste Nummer der „APO-PRESS“ heraus. Sie soll den rund 50 Gruppen (Basis-, Projektguppen, AKs, WGS) als Information und Diskussionsplattform dienen.

Hier die Titelseite und ein kleiner Ausschnitt aus der Gründungsausgabe:

  • Hrsg. SDS, Michael Deter, Apo Press,  Hamburger Informationsdienst,  Nr.1, 27.01.1969 , Titelseite und S.7 [Mao Projekt]

Januar 1969 Abwahl der Pazifisten im Verband der Kriegsdienstverweigerer (VK)
Nach der Verabschiedung der Notstandgesetzgebung rückt die Bundeswehr als potentielles Repressionsinstrument in den Fokus des SDS. Über diese Rolle der Bundeswehr soll aufgeklärt werden und Soldaten zur Kriegsdienstverweigerung gewonnen werden. Deshalb soll der Einfluss von kritischen und sozialistischen Mitgliedern im VK gestärkt werden. Durch Beitritte von SDS-Mitgliedern u.a. kann in Hamburg auf einer MV im Januar ein von Konservativen beherrschter VK – Vorstand abgelöst werden. Die Parole: der VK soll ein sozialistischer Kampfverband werden. Besonders aktiv war hierbei Klaus Goltermann von der Spartakus-Buchhandlung und späteres Führungsmitglied des KB (seine guten Kontakte aus der regionalen VK-Arbeit war die Basis der schnellen Ausbreitung des SALZ/ML).

  • Hrsg. SDS, Michael Deter, Verband der Kriegsdienstverweigerer, Apo Press,  Hamburger Informationsdienst,  Nr.1, 27.01.1969 S.5-6 [Mao Projekt]

28.1.1969
Ursprünglich sollte der Streik an der Uni am 29. Januar beginnen. Aber die Vollversammlung der Phil-Fakultät am 28.1. beschließt, das Psychologische Institut gleich zu besetzen:

  • AStA Hamburg, Psychologisches Institut besetzt, Flugblatt, AStA Sonderinfo [pdf] [Quelle Mao Projekt]

„1. Befreites Institut“ heißt es kurz danach über alle Fenster des 2. Stocks.

Von ca. 100 Studenten werden eine Streikzentrale und autonome Arbeitsgruppen für verschiedene alternative Seminare gebildet, während die im wesentlichen vom SDS gestellte „Arbeitsgruppe Technik“ [link] die Büros der Ordinarien Hofstätter und Pawlik öffnet und „Akteneinsicht“ nimmt. Über die gewaltsame Öffnung heftige Diskussion in der Besetzerversammlung, sie beschließt aber erneute Öffnung. Die von der Uni-Leitung gerufene Polizei drängt die Studenten in der Nacht heraus und kontrolliert anschließend mit Zivilbeamten die Räume.

Von nun an flächendeckende Observation von „Rädelsführern“ auf dem Campus, im AStA, vor dem SDS-Büro und dem RC.

29.1.1969

Am Morgen wird der andere, nicht von der Polizei kontrollierte Flügel des 1. Stocks des Phil-Turms von ca. 50 Studenten „befreit“. Das Psychologische Institut heißt nun „Wilhelm-Reich-Institut“ und verfügt über einen provisorischen Sender, wenn auch mit geringer Reichweite und niedrigen Einschaltquoten.

Asta Sonderinfo 29.1.1969 Besetzung Psychologisches Institut

Asta Sonderinfo 29.1.1969  Psychologisches Institut wieder besetzt [Mao Projekt]

Foto Günter Zint 29.01.1969

Rund 3000 Studenten auf der Vollversammlung im Audimax. Heftige Diskussion über die Frage, ob die Besetzung, auch das Eindringen in die Professorenbüros, als legitime Einleitung und „Organisationshilfe“ des Streiks zu begrüßen und fortzusetzen oder abzulehnen sei. „Hammelsprung“: 1634 dafür, 1187 dagegen:

Ausschnitt AStA Info zur Weierbesetzung des Psyhologischen Instituts

  • AStA Info zum Ergebnis der Abstimmung über die Weiterbesetzung des psychologischen Instituts [Quelle: HIS]

Unirektor Ehrlicher und Schulsenator Drexelius betonen nun die Notwendigkeit weiterer Gespräche, tun aber nichts in dieser Richtung und warten zunächst ab.

  • Hamburger Abendblatt, Gewalt gefährdet Reform, Senator Drexelius zum Studentenstreik in Hamburg, Hamburger Abendblatt, Nr.25, 30.01.1969, S.1 [Original pdf]
  • Hamburger Abendblatt, Studenten waren in zwei Lager gespalten,Die Vollversammlung stimmte für Streik, Hamburger Abendblatt, Nr.25, 30.01.1969, S.4 [Original pdf]

31.1.1969
Nach einem Teach-In „Für Demokratie und Mitbestimmung – Gegen Neofaschismus und Vorbeugehaft“ im Audimax, in dem u.a. Klarsfeld und der noch immer gesuchte KH Roth sprechen, bildet sich ein Demonstrationszug von mehreren Hundert Teilnehmern in die Innenstadt, es werden u.a. die Scheiben des Amerika-Hauses, des Hamburger Abendblattes, der portugiesischen Handelsmission und einiger Kaufhäuser eingeworfen.

  • Hamburger Abendblatt, Scheiben eingeworfen, Ausschreitungen in der Hamburger Innenstadt, Hamburger Abendblatt, Nr.27 01/02.02.1969, S.1 [Original pdf]

Zur Demonstration vom 31.1.1969 zitiert das Hamburger Abendblatt am 3.2.1969 den Vorsitzenden der CDU Bürgerschaftsfraktion Dr. Wilhelm Witten und schreibt: „Unter den 20 000 Studentenin Hamburg sind etwa 200, die sich neuerdings wie Banden in Chicago betätigen. Sie sind darauf aus, den Ruf der 99 Prozent anständiger Studenten in bedrohlicher Weise zu untergraben.“  Die Tatsache dass der SDS Funktionär Karlheinz Roth sich von einer Schlägergruppe schützen läßt und deswegen von der Polizeiführung nicht gefaßt wird, bezeichnet Dr. Witten als „Aufruf zur Anarchie“. Wenn ein Haftbefehl bestehe, so Witten, dann müsse Roth auch inhaftiert werden. Der arbeitswillige Hamburger Bürger müsse sich darauf verlassen können, daß die Ordnungskräfte es ihm erlauben, seiner Arbeit in Ruhe nachzugehen.“

Hamburger Abendblatt, Steinwürfe schaden unserer Demokratie, Jugendring warnt vor Gewalt, Politiker nehmen Stellung, Hamburger Abendblatt Nr.28, 03.02.1969, S.2 [Original pdf]

2.2.1969
Die Besetzer im „Wilhelm-Reich-Institut“ beschließen, trotz des offiziellen Endes des allgemeinen Streiks die Besetzung mindestens bis zum 7. Februar fortzusetzen und organisieren weiterhin die selbstbestimmte alternative Seminararbeit.

4.2.1969

Der AStA gibt  ein Sonderinfo unter dem Titel „Verstärkt den Widerstand“ heraus, in dem er zum Teach In um 15 Uhr und zur morgigen Uni-VV aufruft.

Nachdem in der Nacht vom 3.2. auf den 4.2.1968 Polizisten das von den Studenten besetzte psychologische Seminar unter brutaler Gewalt geräumt, 19 Personen festgenommen hatten, von denen ein Teil im Schnellverfahren abgeurteilt wurde, besetzten Studenten am 4.2.1969 das Germanische Insitut.

Um 1.45 Uhr räumt die Polizei auf Veranlassung der Uni-Leitung das gesamte Institut. Als Reaktion werden Teile des Germanischen Instituts im 3. Stock des Phil-Turms auf Beschluss einer Instituts-Vollversammlung besetzt. Aber die wirklich aktiven Studenten zeigen beginnende Verschleißerscheinungen.

  • Mao Projekt unter 1.2.1969 Roter Morgen Feb. 1969,Hamburg 1969,S.3 [Mao Projekt]
  • Mao Projekt unter 4.2.1969 AStA Info, Verstärkt den Widerstand,  [pdf] [Quelle: Mao Projekt]
  • AStA Hamburg, Verstärkt den Widerstand, AStA Sonderinfo, 04.02.1969 [pdf] [Quelle: Mao Projekt]

 

  • Apo Press: Prozess-Gutachten zu G. Schmiedel von Prof. Dr. Peter Brückner Teil 1 Zur Person des Beschuldigten, Hamburg: Nr.15, 17.08.1969 S.7-13, [pdf] [Mao Projekt]
  • Volker Malin, Günther Hopfenmüller, Freiheit für Schmiedel, AStA Info 02.1969 [Quelle:HIS]
  • Der Spiegel, Prozesse, Schmiedel, Wie auf St. Pauli Spiegel, Nr.36, 01.09.1969 S.104 [Original pdf]
  • Rainer Link, Wo ist Schmiedel? Auf den Spuren eines APO-Aktivisten, Deutschlandfunk, Manuskript der Sendung vom Dienstag, 29.09.2009 19.15Uhr [Text DLF]

5.2.1969
AStA, SDS, SHB, HSU und LSD haben wegen der Ereignisse um das Hochschulgesetz und das Psychologische Institut zu einer Demonstration in der Innenstadt aufgerufen, die von der Innenbehörde verboten wird. 3000 Studenten diskutieren zunächst im Audimax über die Hochschulreform, „in sachlicher Atmosphäre“, wie das Hamburger Abendblatt vermerkt, und beschließen mit 1700 gegen 1200 Stimmen (100 Enth.), trotz des Verbots zu demonstrieren. Massive Polizei-„Einrahmung“, aber keine Auseinandersetzungen. Zum eigenen Schutz löst sich die Demo in der Innenstadt nicht ganz auf, sondern ca. 1500 kehren zum Audimax zurück, um dort weiter zu diskutieren. Aber Schulsenator Drexelius hat das Gebäude inzwischen verschließen lassen.

Die ausgeschlossenen Demonstranten weichen in das Foyer des Phil-Turms als nächstgrößtem Raum aus, wo es zu einer Schlacht mit der dort eingreifenden Polizei kommt, u.a. unter Einsatz von Wasserschläuchen auf beiden Seiten. Schließlich zieht die Polizei ab, öffnet das Audimax, bleibt aber vor Ort, besetzt und schließt am frühen Morgen des 6.2. den gesamten Phil-Turm – bis zum 18. Februar.

  • Hamburger Abendblatt, Philsophenturm ist geschlossen, Senat berät über die Lage an der Universität, Hamburger Abendblatt, Nr.31, 06.02.1969 S.1[Original pdf]
  • Hamburger Abendblatt,Hamburg zwischen Vernunft und Gewalt, Kommentar, Hamburger Abendblatt, Nr.31, 06.02.1969 S.2 [Original pdf]
  • Hamburger Abendblatt, Abends gab es die Explosion, Kampf um den Philosophenturm nach ruhiger Demonstration, Hamburger Abendblatt, Nr.31, 06.02.1969 S.3 [Original pdf]

14.2.1969
Konstituierende Sitzung der „Basisgruppen an der Universität Hamburg“

  • APO-Press,Basisgruppen an der Universität HamburgAPO Press,Jg. 1, Nr.3,  24. Feb. 1969 S.10-11[Mao Projekt]

22.2.1969
In Westberlin erscheint die Nr. 1 der „Roten Presse Korrespondenz RPK“ – ein publizistischer Gegenpol zum „Extra-Dienst“ und den „realsozialistischen“ Gruppierungen.

  • Rote Presse Korrespondenz Nr.1, 22.02.1969 [RPK Nr.1]

3.-11.3.1969
21. MV des VDS in Köln: 233 (von 312) Stimmen für eine „neue Entscheidungshierarchie, orientiert an eine Rätedemokratie“.

  • Kraushaar,“Die 68er Bewegung –International“, 2018, Band 4, S. 104 f.

14.-17.3.1969
Generaldebatte des SDS in Heidelberg. F. Kramer fordert: „Die antiautoritäre Phase unserer Bewegung liquidieren“ und die Handwerkelei der Basisgruppen durch eine stärkere Zentralisierung zu überwinden. „Das Prinzip der leninistischen Kaderorganisation“ sei nach wie vor aktuell. Zwei Positionen, die basisdemokratische und die zentralistische, gegen die weitere Zersplitterung orientierte, stehen sich gegenüber. – eine basisdemokratisch orientierte Gruppe, die davon ausgeht, das die Arbeit am Arbeitsplatz, in den Basisgruppen sich in der Politik an der Hochschule bewährt habe. „Das heißt faktisch Dezentralisierung und Überflüssigwerden einer Zentrale, die die Arbeit stellvertretend für alle machen“.

Der SDS muss seine Funktion als Avantgarde einer sozialistischen Bewegung wahrnehmen und der Zersplitterung und Entpolitisierung (Dezentralisierung) entgegenwirken. Hierfür ist eine starke politische Zentrale erforderlich. Da der SDS über den ASTA verfügt, muss diese Zentrale durch 2 bis 4 Genossen verstärkt werden.

  • Generaldebatte des SDS Heidelberg 14.3. – 17.3.1969, 66 Seiten [Mao Projekt]

(Von einer ML-Organisationsdebatte ist der SDS – Heidelberg noch weit entfernt, aber der „Bazillus“ leninistische Kaderorganisation ist in die Diskussion geworfen. In Berlin tauchen zur gleichen Zeit ebenfalls erste Forderungen in dieser Richtung auf.)

20.3.1969
Die SPD sperrt dem SHB die finanzielle Unterstützung.

  • Die Zeit, Neinsager nicht gefragt, die SPD streitet sich mit ihren Studenten, Die Zeit, Nr.12, 21.3.1969 [Die Zeit]

22.3.1969 Saalschlacht zwischen Gegnern und Befürwortern der griechischen Militärdiktatur
Eine griechische Studentin soll vom Handelsattaché bewusstlos geprügelt worden sein. 30 Oppositionelle werden von der Polizei herausgedrängt.

Zeugen wollen beobachtet haben wie Athens Handelsattaché M. K. eine Studentin ohnmächtig prügelte, die mit ihrem Transparent „Freiheit für die politischen Gefangenen“ gefordert hatte.

  • Hamburger Abendblatt, Saalschlacht im Kuriohaus, Hamburger Abendblatt, Nr.70 24.3.1969, S.5 Meldung [Original pdf]
  • Spiegel, Ausländer, Griechen, Schwarze Krallen, Der Spiegel Nr.16, 14.4.1969, S.101-106 [Original pdf]

29./30.3.1969
Im Vergleich zu den Vorjahren stark abgenommene Teilnehmerzahlen bei den Ostermärschen in der BRD.

Aktionsausschuss Osterdemonstration, Hamburg 12.03.1969 in: „Was Tun“, Jg.2 Mannheim, 1969 S.4 [Mao Projekt]

31.3.1969
Der AStA in Hamburg beschließt, zur besseren Koordination der Aktivitäten in den Basisgruppen mitzuarbeiten.

 

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